Pünktlich, blond und verrückt nach Gartenzwergen. Über Deutsche gibt es eine Menge Klischees. Oft genug sind sie Quatsch, dienen vor allem zur Belustigung. In Spanien ist immer wieder zu hören, dass Deutsche besonders vertrauensselig sind. Leichte Beute für Diebe und Betrüger. Aber ist das wirklich so? Die MZ geht diesem Klischee auf die Spur.

Sonne, Strand und Meer. Dazu eine nette kleine Finca im Grünen. Für viele Deutsche ist Mallorca ein Sehnsuchtsort. Dass hier auch Fallstricke und Gefahren lauern können, fällt manchen erst zu spät auf. Zum Beispiel beim Finca-Kauf. Auf Mallorca gibt es nur sehr wenig Baugrund, häufig sind Häuser außerhalb von Städten daher entweder komplett ohne Baugenehmigung errichtet oder ein Teil des Hauses liegt außerhalb der bebaubaren Zone. Wer eine Finca auf illegalem Grund kauft, muss es im schlimmsten Fall abreißen, falls Behörden davon Wind bekommen. Viele Deutsche unterschreiben nun Kaufverträge, ohne überprüft zu haben, ob die schöne Finca überhaupt legal ist, erzählt Soraya Aliaga.

Rechtsanwältin Soraya Aliaga Aliaga

Aliaga ist Rechtsanwältin bei der Kanzlei Gerboth und Partner in Palma. Die Kanzlei ist unter anderem auf Immobilienrecht spezialisiert, daher kennt Aliaga die legalen Fallstricke beim Hauskauf auf der Insel. Es gebe zwar auch ganz klassischen Betrug, bei dem zum Beispiel Anzahlungen nicht zurückgegeben werden, aber Aliaga muss sich vor allem mit Fincas beschäftigen, die zumindest teilweise illegal gebaut sind. Manchmal ist auch die Finca selbst legal, aber weder Swimmingpool noch Garage hatten eine Baugenehmigung.

90 Prozent von Aliagas Mandanten kommen aus dem Ausland, die meisten davon aus Deutschland. Wenn die mit einem bereits unterschriebenen Vertrag zu ihr kommen, bekommt die Anwältin direkt ein schlechtes Gefühl. „Sie kommen hierher und vertrauen darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht“, sagt Aliaga. „Vielleicht weil sie das von zu Hause so gewohnt sind.“

Manche Deutsche schauen beim Hauskauf absichtlich weg

Wobei Blauäugigkeit nicht der einzige Grund ist, dass Deutsche in Spanien illegal gebaute Häuser kaufen. Teilweise schauen sie auch absichtlich weg, vermutet zumindest die Soziologin Raquel Huete von der Universität in Alicante. Sie forscht zu ausländischen Touristen und Residenten in Spanien. „Aus unseren Interviews mit europäischen Residenten im Laufe der Jahre haben wir geschlossen, dass das Vertrauen darin, dass die Dinge schon mit rechten Dingen zugehen werden, auch eine Ausrede sein kann“, erklärt sie.

Huete betont, dass sie keine statistischen Daten hat, die ihre These stützen. Ihre Vermutung deckt sich aber mit einer Beobachtung von der Anwältin Aliaga: Oft wollen Mandanten die Finca trotz möglicher Unregelmäßigkeiten kaufen. „Wir weisen die Mandanten auf alle Probleme hin, sichern auch die Anzahlung ab, die Mandanten entscheiden dann selbst ob sie kaufen oder nicht“, sagt Aliaga.

Auch bei den Steuern erwarten Neu-Residenten auf Mallorca einige Fallstricke

Thomas Fitzner, Leiter der Abteilung Residenten der deutschsprachigen Steuerberater- und Anwaltskanzlei PlattesGroup, kennt ebenfalls Probleme von Deutschen, die zu sorglos nach Mallorca ziehen: „Die wichtigste Steuerfalle für Neu-Residenten lässt sich mit einem Satz umreißen: ‚Das Finanzamt wird sich schon melden, wenn es etwas von mir will.‘“ Wenn sich das Finanzamt melde, habe der Neu-Mallorquiner schon ein Verfahren am Hals.

Anders als in Deutschland gilt in Spanien die sogenannte Selbstveranlagung. Das bedeutet, man muss selbst herausfinden, wann man wofür welche Erklärungen einreichen und welchen Steuerbetrag zahlen muss. Die Abgabefristen sind in Granit gemeißelt, geprüft wird nach dem Stichprobenprinzip oder wenn dem Finanzamt widersprechende Daten vorliegen. Unwissen ist hier genau wie beim Hauskauf keine Ausrede. Fitzner warnt außerdem: „Das deutsche und spanische Finanzamt tauschen routinemäßig Daten aus.“ Sowohl er als auch Aliaga empfehlen sicherlich nicht ganz uneigennützig, sich von Experten beraten zu lassen.

Deutsche Residenten sind also nur bedingt blauäugig, teilweise eher sorglos in der Hoffnung, ungeschoren davon zu kommen. Wie sieht es mit den Touristen aus? „Guiris“, wie Spanier ausländische Besucher nennen, sind häufig das Ziel von Taschendieben. Gilt das für deutsche Touristen besonders? Die Sprecherin der spanischen Nationalpolizei in Palma verneint. Deutsche seien nicht auffällig oft Opfer von Diebstählen. „Generell werden Touristen mehr bestohlen als Einheimische“, sagt sie. Die Nationalität spiele da keine Rolle.

Touristen sind auf Mallorca ein besonders beliebtes Ziel von Taschendieben

Dabei liegt das in den Augen der Polizeisprecherin nicht einmal daran, dass Touristen besonders unvorsichtig sind. „Sie sind eher in Menschenmassen unterwegs, da ist es einfacher, sie zu beklauen“, erklärt sie. Außerdem seien sie ein beliebteres Ziel, weil sie normalerweise mehr Geld dabeihätten und teilweise keine Zeit, vor ihrer Abreise eine Anzeige aufzugeben.

Auch Soziologin Raquel Huete sagt, dass Taschendiebstahl ein allgemeines Problem von Touristen sei. „Wenn wir im Urlaub sind, entspannen wir uns. Wahrscheinlich achten wir dann nicht so genau auf unsere Dinge, wie wenn wir in unserer üblichen, kontrollierten Umgebung sind.“ Bei Touristen wie bei Residenten gibt es laut Huete keine spezifischen Untersuchungen, die das Verhalten von Deutschen analysieren. Und so könnte es auch einfach sein, dass das Klischee der blauäugigen Deutschen eher das Klischee der blauäugigen Ausländer ist.

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Generell solle man sich im Ausland möglichst mit den Gepflogenheiten und Normen des Landes vertraut machen, findet Huete. Um sie kennenzulernen, empfiehlt sie, sich mit der Sprache zu beschäftigen, ein allgemeines Interesse zu zeigen und die örtlichen Medien zu konsumieren. Das liegt auch im eigenen Interesse der Zugezogenen: Zu viel Vertrauen und Sorglosigkeit können kostspielig werden.