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Ein neuer Körper in 48 Stunden nach dem Tod
MZ-Kolumnist Juan José Millás erzählt von einer mystischen Begegnung auf der Straße

Nicht nur auf dem Friedhof von Palma, sondern inselweit wird am 1. November der Toten gedacht. | FOTO: NELE BENDGENS
Die Reinigungskraft, die für meine Straße zuständig ist, wird von einer Amsel begleitet, die sie Paquito nennt. Sie glaubt, dass die Amsel ihr verstorbener Bruder ist, der ebenfalls Paquito hieß. Paquito frisst ihr aus der Hand und zwitschert sie an, als spräche er mit ihr. Die Putzfrau heißt Sara. Wir treffen meist am Morgen aufeinander, wenn ich die Zeitung hole. Manchmal bleiben wir auch stehen, um uns zu unterhalten.
„Wann immer ich stehen bleibe, um mit dir zu plaudern, fliegt Paquito weg“, beklage ich.
„Er vertraut dir nicht“, antwortet sie.
Paquito, Saras Bruder, starb vor einem Jahr. Zwei Tage nach der Beerdigung tauchte die Amsel auf.
„Wie hast du herausgefunden, dass der Vogel dein Bruder ist?“, frage ich.
Neuer Körper in 48 Stunden
„Üblicherweise“, sagt sie, „braucht die Seele eines Verstorbenen etwa achtundvierzig Stunden, um einen neuen Körper zu finden.“
„Aber es gibt Millionen Leichen“, erwidere ich. „Es sollte keine halbe Minute dauern.“
„Es gibt Millionen Leichen. Aber fast alle sind besetzt. Die Ratten sind zwar frei, aber mein Bruder wäre nie als Ratte wiedergeboren, weil er weiß, dass ich Angst vor ihnen habe. Übrigens, unter diesem Auto liegt eine tote Ratte. Kannst du mir helfen sie einzusammeln?“
Ich sehe nach, und tatsächlich liegt da eine tote Ratte, die ich mit Saras Besen hervorhole. Ich schiebe sie auf die Schaufel und bugsiere sie in den Mülleimer. Danach schauen Sara und ich uns schweigend an.
„Ich glaube an diese Dinge“, sagt sie. „Du nicht.“
„Ich nicht“, bestätige ich.
„Deshalb misstraut Paquito dir.“
Der durchdringende Blick der Amsel
Paquito hebt und senkt seinen Kopf auf der Motorhaube, auf der er sich niedergelassen hat, als würde er zustimmen.
„Ich wünsche euch beiden einen schönen Tag“, verabschiede ich mich.
Und während ich mich entferne, fühle ich den durchdringenden Blick der Amsel in meinem Nacken.
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