Mordfall Tim V.: Eltern schicken nach Autobahn-Tod ihres Sohnes emotionalen Dankesbrief an Ermittler auf Mallorca

Der 20-Jährige war im Oktober 2022 nahe der Playa de Palma überfahren und getötet worden. Was zunächst wie ein Unfall schien, endete in zwei Festnahmen wegen Mordes

Der Chef der Nationalpolizei auf Mallorca, José Luis Santafé (li.), zeigte sich hochzufrieden mit der Leitung des Teams um Ángel Ruiz.

Der Chef der Nationalpolizei auf Mallorca, José Luis Santafé (li.), zeigte sich hochzufrieden mit der Leitung des Teams um Ángel Ruiz. / Guillem Bosch

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Der Fall Tim V. hat auf Mallorca ein Jahr nach dem Tod des 20-jährigen Deutschen auf der Autobahn nahe der Playa de Palma noch einmal für Aufsehen gesorgt. Eine spektakuläre Wendung in den Ermittlungen führte dazu, dass der anfänglich als Unfall zu den Akten gelegte Tod des Nordhessen in der Festnahme von zwei Männern gipfelte, denen die Nationalpolizei Mord vorwirft. Beide Spanier sitzen derzeit in Untersuchungshaft.

Ende Oktober gaben die Ermittler Einzelheiten bei einer Pressekonferenz bekannt. Dabei bedankte sich der verantwortliche Beamte Ángel Ruíz eindringlich bei den Eltern von Tim V., die bereits drei Tage nach dem Unfall am 8. Oktober 2022 von den Ermittlungen der Nationalpolizei wussten, allerdings mit niemandem darüber sprechen durften, um die Arbeit der Polizisten nicht zu gefährden.

Eltern schicken Dankesbrief an die Polizei

Jetzt haben die Eltern ihr Schweigen gebrochen und der Polizei auf Mallorca einen Dankesbrief geschrieben, in dem sie auch erstmals Einblick in die Zeit seit dem Tod ihres Sohnes geben. Die Nationalpolizei veröffentlichte den Brief am Samstagmittag (30.12.). Die MZ zitiert aus dem eineinhalbseitigen Schreiben.

"Sehr geehrte Damen und Herren, nach schweren Wochen und Monaten der Trauer und der Ungewissheit ist es uns ein tiefes Bedürfnis, uns bei den mallorquinischen Behörden und deren Mitarbeitern sehr herzlich zu bedanken" - mit diesen Worten beginnt der Brief, der im Folgenden ausführt, wie am 9. Oktober 2022 eine Welt für die Eltern zusammengebrochen ist, als sie vom Tod ihres Sohnes auf Mallorca erfuhren. Besonders schlimm sei gewesen, dass die Medienberichte "suggeriert" hätten, dass sich Tim V. betrunken auf die Fahrbahn gelegt habe. "Für uns unvorstellbar, wir wussten genau, wir haben es gespürt, dass Tim nicht freiwillig auf die Autobahn gekommen war."

Anzeige gegen Unbekannt

Aus Sorge, dass die Ermittlungen nicht weitergeführt werden, erstatteten die Eltern am 11. Oktober eine Anzeige gegen Unbekannt - "wegen der Tötung von Tim".

Einer der Festgenommenen im Fall Tim V.

Einer der Festgenommenen im Fall Tim V. / Nationalpolizei

Bereits am selben Abend habe die Eltern der Anruf von Ermittler Ángel Ruiz erreicht. "Zunächst war der Anruf ein weiterer Schock - die Mordkommission (!). Gleichzeitig entwickelte sich etwas wie 'Erleichterung', unser Zweifel an der Medienversion zum Tod war berechtigt!" Ruiz habe den Eltern von dem Zeugen berichtet, der hartnäckig an seiner Version festhalte, dass er gesehen habe, wie Tim V. aus einem fahrenden Lieferwagen gestoßen wurde.

Belastend und gleichzeitig das Letzte, was sie für Tim tun konnten

Die Eltern schreiben weiter: "Auch wenn die Tatsache, dass Tims Leichnam ein zweites Mal obduziert werden musste und er nicht zeitnah zur Beisetzung nach Deutschland überführt werden konnte, uns sehr schmerzte, überwog die Hoffnung, dass Tim Gerechtigkeit zuteil werden würde. Der Bitte von Herrn Ruiz, niemandem, wirklich niemandem von den Ermittlungen der Mordkommission zu erzählen, war sehr belastend für uns, aber gleichzeitig auch das Letzte, was wir für unseren Sohn tun konnten."

Plötzlich war die Welt eine andere

In ihrer Heimat Nordhessen habe sich plötzlich auch die Welt anders gedreht. Zahlreiche Beileidsbekundungen erreichten die Familie, "alle mit dem gleichen Tenor: 'Tim hätte sich niemals freiwillig auf die Autobahn gelegt und wir vermissen ihn so sehr'."

Den Eltern sei vor Augen geführt worden, wie sehr Tim in seinem Heimatort verwurzelt und wie wichtig er vielen Menschen war. "Das Amateurtheater sagte seine Vorstellungen ab, die Darsteller sahen sich außerstande, ein fröhliches Stück aufzuführen, wenn einer aus dem Team so verstorben war".

Fußballmannschaft sagte Spiele ab

Die Fußballmannschaft habe mehrere Wochen lang alle Spiele abgesagt, die Trainingszeiten seien zur seelischen Aufarbeitung genutzt worden, "schließlich war man wenige Wochen vor Tims Tod noch gemeinsam in Palma gewesen".

Die rund 400 Sitzplätze in der Kirche reichten für die Trauerfeier nicht aus, vor der Kirche versammelten sich weitere 300 Freunde und Bekannte von Tim, schreiben die Eltern weiter. "Und wir konnten niemanden aufklären, dass Tim Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war, wir konnten die negative Berichterstattung der Medien nicht korrigieren - für uns eine zusätzliche Last, die wir aber bereit waren tu tragen."

Die Einfahrt der Anschlussstelle 11 in Richtung Palma. Hier war der junge Deutsche auf die Autobahn gelaufen.

Die Einfahrt der Anschlussstelle 11 in Richtung Palma. Dort, so dachte man zunächst, sei der junge Deutsche auf die Autobahn gelaufen. / Johannes Krayer

Immer wieder Anrufe aus Palma

Ermittler Ruiz habe sich immer wieder bei ihnen gemeldet und über den Ermittlungsstand informiert. "Anrufe, die sehnlichst erwartet wurden, die gleichzeitig immer wieder ganz viel Kraft gekostet haben." Die Monate vergingen, und die Zweifel der Eltern wuchsen, ob es tatsächlich noch einen Ermittlungserfolg geben würde.

Ruiz habe sie immer wieder davon überzeugt, an den langfristigen Erfolg der Ermittlungen zu glauben. "Er gab uns die Gewissheit, dass die mallorquinischen Behörden jedem noch so kleinen Hinweis mit ganz viel Akribie nachgingen. Ohne die Wertschätzung von Herrn Ruiz uns und unserem Sohn gegenüber wären wir im Laufe der Zeit vermutlich zerbrochen." Der "eigentlich unbekannte" Ermittler sei nach und nach zu einer Vertrauensperson geworden, der "eine sehr menschliche Nähe zu uns aufgebaut hat", schreiben die Eltern.

Dankbarkeit auch für den Zeugen

Nun würden sie sich gerne auch bei dem Zeugen bedanken, der den entscheidenden Hinweis gab, so heißt es im Brief weiter. So bleibe Tim nicht als betrunkener Tourist in Erinnerung, der überfahren wurde. "Das Engagement von Herrn Ruiz und seinem Team, der Fleiß und die Unermüdlichkeit von allen an der Aufklärung des Todes unseres Sohnes beteiligten Menschen hat nicht nur dazu geführt, das Ansehen unseres Sohnes wiederhergestellt zu haben. Nein, der Ermittlungserfolg hat zu Hochachtung den mallorquinischen Ermittlern und den spanischen Behörden insgesamt gegenüber geführt."

Die Eltern hoffen, dass die Täter nicht straffrei davonkommen, wie sie schreiben und enden mit dem Satz: "Sehr geehrte Damen und Herren, wir verneigen uns vor der großartigen Ermittlungsarbeit und bedanken uns sehr herzlich bei allen an dem Ermittlungserfolg beteiligten Personen, natürlich ganz besonders bei Herrn Ruiz."

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