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Was wirklich beim Fahnen-Fiasko an einer Schule auf Mallorca geschah: Eine Chronik der Ereignisse

An der Schule La Salle sucht eine Klasse wegen einer Spanien-Flagge die Konfrontation mit der Katalanisch-Lehrerin. Der Vorfall gipfelte in Morddrohungen gegen die Frau

Die Schulgemeinschaft von La Salle ist gespalten: Manche Schüler tragen demonstrativ Trikots. B.RAMON

Spanischer Nationalstolz versus Hege des Katalanischen ist auf Mallorca ein heikler Konflikt. Was jedoch am letzten Freitag im November (25.11.) an der Schule La Salle in Palma geschah, hatte weniger damit und mehr mit respektlosen Schülern zu tun, obwohl sich der Konflikt an einer Landesfahne entzündet hatte: Die Katalanisch-Lehrerin forderte eine Abiturklasse auf, eine Flagge abzunehmen, die sie anlässlich der WM im Klassenzimmer aufgehängt hatte.

Nach einer ersten Darstellung durch Eltern eines Schülers, die ihre Sicht der Dinge in den sozialen Netzwerken publik machten, hatte sich die Lehrerin geweigert, unter diesen Umständen zu unterrichten und den Raum verlassen. Eine andere Lehrerin teilte der Klasse mit, dass die beiden verbleibenden Stunden, Katalanisch und Philosophie, ausfallen würden und dass sie gehen könnten. Auf Nachfrage hätten die rund 30 Schüler dann erfahren, dass sie allesamt bis Montag vom Unterricht suspendiert seien. Die Eltern fühlten sich von der Schule unzureichend informiert und gingen auf die Barrikaden.

Die Stellungnahme der Schulleitung

Am selben Tag erklärten Lehrer und Schulleitung, dass der wahre Grund für den Schulverweis die Konfrontation mit der Lehrerin gewesen sei. Die Klasse habe auf ihre zuvor eingeholte Erlaubnis gepocht, die Fahne aufhängen zu dürfen – diese Regel galt allerdings nur für Spieltage, und darauf berief sich die Lehrerin.

Die Schüler missachteten also laut Schulleitung Anordnungen und quittierten den Moment, als die Lehrerin das Klassenzimmer verließ, mit Hohn und Beifall. „Respektlosigkeit gegenüber einem Mitglied der Schulgemeinschaft, insbesondere der Autoritätsperson des Lehrers, verstößt gegen mehrere Rechte und Pflichten der Schüler und ist eine rote Linie, deren Überschreitung wir nicht zulassen können“, hieß es in der Stellungnahme.

Drohungen von Rechtsextremen

Die Worte nutzten der Lehrerin jedoch wenig: Seit dem Vorfall war sie massiven Schikanen, Forderungen nach Entlassung und sogar Morddrohungen ausgesetzt. Es wurde ein Foto von ihr mit ihrem Partner und ihrer minderjährigen Tochter in Umlauf gebracht, begleitet von dem Text: „Wir werden sie verfolgen.“

Zudem wurde die Lehrerin in sozialen Netzwerken Opfer sexistischer Angriffe und Beleidigungen. Ein bekanntes rechtsextremes Profil nahm sie über seinen Telegram-Kanal mit fast 200.000 Mitgliedern ins Visier. Dort wurde eigens eine E-Mail eingerichtet, an die jeder persönliche Informationen senden konnte, um die Lehrerin weiter anzugreifen.

Juristische Konsequenzen und Reaktionen der Politik

Das Ganze wird nun womöglich juristische Konsequenzen haben. Die balearische Regierung hat angekündigt, Anzeige zu erstatten. Regierungssprecher Iago Negueruela betonte, dass dies eine Situation sei, die „in einer demokratischen Gesellschaft inakzeptabel ist“. Ähnlich äußerte sich auch der balearische Bildungsminister Martí March. Beide versicherten, dass die Schulaufsichtsbehörde eine Untersuchung eingeleitet habe und einen Bericht zur Klärung der Vorfälle erstellen werde.

March kritisierte zudem die politische Instrumentalisierung des Vorfalls. Denn der Sprecher der Rechtspartei Vox auf den Balearen, Jorge Campos, hatte Öl ins Feuer gegossen, indem er äußerte: „Die Lehrerin sollte nicht bedroht, sondern entlassen werden.“ Er verurteile zwar das Verhalten von „vier hirnlosen Leuten gegen die Lehrerin“ – noch mehr jedoch sie und die Schulleitung, da sie Kinder ausgeschlossen hätten, weil sie die Nationalmannschaft bei der WM anfeuern wollten.

Deutliche Worte von Francina Armengol

Präsidentin Francina Armengol fand daraufhin deutliche Worte: „Hier geht es nicht um Flaggen oder Fußball, sondern um eine Lehrerin, die mit dem Tod bedroht und mit Fotos ihrer Tochter unter Druck gesetzt wurde, weil sie ihre Arbeit machte. Das ist eine Schande, die nichts mit Demokratie zu tun hat, das ist Faschismus“, sagte sie und warf Vox vor, zu Hass und Gewalt gegen Lehrer aufzustacheln.

Der konservativen Oppositionpartei PP, die ihrerseits zu „Besonnenheit“ aufgerufen hatte, attestierte die Präsidentin „donnerndes Schweigen“. Marga Prohens, die Chefin der Volkspartei PP, hatte erklärt, die Vorfälle seien traurig und bedauerlich. Das Wichtigste sei aber, dass zuerst alle Fakten geklärt würden. Die PP-Jugendorganisation Nuevas Generaciones hatte anfangs auf ihrem Twitter-Account gefordert, dass die Lehrerin des Landes verwiesen werden solle. Inzwischen hat sie den Tweet auf Ersuchen der Partei gelöscht.

Applaus, Umarmungen und Küsse

Zuspruch bekommt die Lehrerin nun nicht nur von der Politik, sondern auch in der Schule: Nach dem Wochenende wurde sie von vielen Schülern mit Applaus, Umarmungen und Küssen begrüßt. Zudem erhielt sie Sympathiebekundungen, auch vonseiten des Schulpersonals und des Kollegiums. Dennoch war die Unterstützung nicht einhellig: Einige Schüler äußerten sich auch kritisch über die Lehrerin und die von der Schule ergriffenen Maßnahmen. Die Parallelklasse der betroffenen Schüler erschien gar aus Solidarität in Trikots der spanischen Nationalmannschaft im Unterricht. Die Klasse, die in den Konflikt verwickelt war, wurde am Montagmorgen zum Nachdenken über die Geschehnisse aufgefordert.

Der Vater, der die Kontroverse ausgelöst hatte, äußerte sich am Mittwoch erneut via Twitter: Er verurteile die Drohungen und Beleidigungen, die alle Beteiligten, insbesondere Minderjährige, erhielten, und bedauere, einen „unangemessenen Weg“ gewählt zu haben, um „eine interne Angelegenheit zu lösen“. Während La Salle versucht, die zerrütteten Beziehungen an der Schule zu reparieren, liegt der Ball nun bei der Staatsanwaltschaft. /bro

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