Mallorca Zeitung

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Joan Laínez Opernsänger

Joan Laínez gründete den Mallorca Gay Men’s Chorus – und räumt jetzt als Opernsänger Preise ab

Joan Laínez (48) leitete den Chor acht Jahre lang. Nun hat er eine späte Karriere als Tenor gestartet

Wandelt heute als Tenor auf Solo-Pfaden: Joan Laínez. Inma del Valle

Es ist nie zu spät für einen Neubeginn: Der 48-jährige mallorquinische Tenor Joan Laínez widmet sich erst seit einem Jahr professionell dem Operngesang und gewinnt damit bereits internationale Preise. Ein Gespräch über den Sprung in eine ganz neue Welt und die emotionalsten Momente mit seinem Mallorca Gay Men’s Chorus, dem der Sänger schweren Herzens den Rücken kehren musste.

Ihre Karriere als Tenorsolist ist noch ganz frisch. Wie kam es zu dieser Kehrtwende?

Vor sieben Jahren habe ich damit begonnen, Gesang zu studieren. Das ist sehr merkwürdig, weil ich ja eigentlich Pianist und Chorleiter bin. Mit dem Cor Ciutat de Mallorca wurden wir für „La Bohème“ engagiert, und die Pianistin Maria Victòria Cortès, die im Conservatorio in Palma lehrt, übernahm die musikalische Leitung. Eine kleine Rolle war noch nicht besetzt, und sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte. Ich sagte: Ja, kein Problem. Nachdem sie mich angehört hatte, fragte sie: Du hast noch nie zuvor in einer Oper gesungen? Das solltest du aber! Also machte ich die Aufnahmeprüfung und nahm Unterricht bei ihr und bei Joana Llabrés. Aktuell ist der Bariton David Menéndez mein Lehrer. Alle sagen, meine Stimme sei ein bisschen speziell – sehr groß, das heißt, sehr volltönend. Und eine solche Stimme zu kontrollieren, muss man lernen – sie ist wie ein Elefant im Porzellanladen.

Um diesen neuen Weg konsequent einzuschlagen, mussten Sie andere Tätigkeiten aufgeben. Darunter, nach acht Jahren, die Leitung des Mallorca Gay Men’s Chorus …

Der Grund war, dass meine Gesangslehrer mich motivierten, es trotz meines Alters zu versuchen – ich habe ja erst mit dem Studium begonnen, als ich 41 Jahre alt war. Denn ich hätte noch viele Möglichkeiten, mit meinem Gesang gut anzukommen. Meine musikalische Laufbahn hat es mir sehr erleichtert, einen Einstieg in die Welt der Oper zu finden. Aber nach drei oder vier Jahren stellte ich fest, dass ich mir enorm viele Rollen aneignen musste und dafür viel Zeit brauchte. Das machte es mir unmöglich, die Arbeit als Solist mit der als Chorleiter zu vereinbaren.

Joan Laínez auf der Bühne. privat

Warum haben Sie den Mallorca Gay Men’s Chorus damals gegründet?

Wir waren eine Gruppe von Freunden, die in einem Chor sang. Rafa Casado, ein Sänger, der vor anderthalb Jahren gestorben ist, zeigte mir Videos von LGBTI-Chören wie den Rainbow Singers, und uns begeisterte die Idee, etwas anderes und Neuartiges zu machen. Es wurden acht fantastische Jahre mit wunderbaren Erfahrungen wie Reisen nach London, München, Barcelona und Auftritten im spanischen Fernsehen. Das Beste daran war, dass es nicht nur eine musikalische, sondern auch eine gesellschaftliche Arbeit war. Sie bestand darin, der Insel die LGBTI-Bewegung auf positive Weise näherzubringen – durch die Musik. Ich glaube, wir haben damit viele Herzen erobert.

Gibt es eine Erinnerung aus dieser Zeit, die Sie besonders berührt?

Das Konzert in München bei einem europäischen LGBTI-Chortreffen wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Dort zu singen, war beeindruckend. Genauso wie das Konzert in London: Als wir „Somebody to Love“ von Queen anstimmten, gab es Standing Ovations von tausend Zuschauern, die mitsangen und uns applaudierten. Das war ein so emotionales Erlebnis, dass viele Chormitglieder am Ende anfingen zu weinen. Es war wunderschön!

Wie haben Sie als schwuler Teenager Ihre Jugend in Llucmajor erlebt?

Vor 35 Jahren war es nicht leicht. Ich wurde in der Schule gemobbt, weil ich pummelig, etwas tuntig und deswegen anders war. Es war hart, so zu leben. An manchen Tagen kam ich sehr betroffen aus der Schule zurück. Aber ich werde Ihnen mal etwas Tolles erzählen: Als wir mit dem Mallorca Gay Men’s Chorus anfingen, sagte man mir immer vermeintlich „scherzhaft“: „Ah, du bist der Leiter des Schwulen-Chors“ – und wollte mich damit eigentlich beleidigen, so als wäre das etwas Minderwertiges. Nach zwei oder drei Jahren blieb der Satz genau der gleiche, aber nun wurde er mit Bewunderung und Respekt ausgesprochen.

Fehlt Ihnen heute die Leitung des Chors?

Ich vermisse vor allem die menschlichen Begegnungen. Jeden Tag mit einem Chor zu proben – ich leitete ja auch den Cor Ciutat de Mallorca und die Palma Gospel Singers – bedeutete, jeden Tag mit verschiedenen Menschen zu tun zu haben. Heute hängt es einzig und allein von meinem Einsatz ab, ob ich meine Ziele als Sänger erreiche. Und jedes Mal, wenn ich in einem Theater für eine Rolle vorsinge, fühlt es sich an wie eine Prüfung.

Sie haben gerade den Operngesangswettbewerb Grandi Voci in Salzburg gewonnen. Wie lief das genau ab und wie haben Sie dort die Herzen erobert?

(Lacht.) Zuerst gab es drei Tage mit Ausscheidungsrunden, an denen 410 Sänger aus aller Welt teilnahmen. Ich bin ins Halbfinale gekommen, wo ich die Arie „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ singen sollte. Im Finale habe ich etwas aus „Cavalleria rusticana“ präsentiert. Sie sagten mir, dass ich sehr respektvoll mit der Partitur sei – das gefiel besonders dem Pianisten, der auch Orchesterleiter ist. Und der Vorsitzende der Jury mochte es, dass meine Stimme viel Gefühl überträgt. Aber dass ich wirklich gewonnen habe, war für mich eine große Überraschung!

Dabei war das nicht Ihr erster Preis: Sie haben bei weiteren internationalen Wettbewerben wie Corsica Lirica und Jole De Maria geglänzt.

Diese Wettbewerbe verschaffen mir Sichtbarkeit. Das ist besonders wichtig, weil ich erst so spät mit dem Singen angefangen habe. Es gibt sehr viele gute junge Sänger, die sich in ihren Zwanzigern schon eine internationale Karriere aufgebaut haben. Ohne einen eindrucksvollen Lebenslauf ist es sehr schwierig, unterzukommen. Ich muss nun auf diesem Weg erreichen, dass man mich kennt. Aber ich kann mich sehr glücklich schätzen, weil ich letztes Jahr in verschiedenen italienischen Städten und in Spanien die Rolle des Turiddu in der „Cavalleria rusticana“ singen durfte. Auch das Teatre Principal in Palma und die Balearen-Sinfoniker haben mir viele Möglichkeiten eröffnet: Bei Verdis „Ein Maskenball“ im März 2022 hatte ich meine erste kleine Opernrolle.

Im November haben Sie in der neuen Oper „L’Arxiduc“ den Franz Ferdinand gesungen. War das eine besondere Herausforderung?

Es ist fantastisch, die Möglichkeit zu haben, eine Oper zum ersten Mal aufzuführen. Das große Können von Pablo Mielgo hat dabei sehr geholfen. Und das Wichtigste war, den Komponisten Antoni Parera Fons an unserer Seite zu haben. Stellen Sie sich vor, Sie könnten Puccini oder Verdi nach ihrer Intention fragen – das hat fast etwas Magisches! In der Arie geht es um die Ablehung alter Sitten und Traditionen. Der Auftritt war kurz, aber sehr intensiv. Und das Orchester brillierte in diesem Moment in seiner ganzen Stärke.

Wo werden Sie 2023 auf der Bühne stehen?

Im Mai bin ich Protagonist von zwei Zarzuelas. Ins Teatre Principal kehre ich im Juni zurück und singe dann in „La Traviata“ den Gastone. Danach geht es im Juli weiter mit „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ in Salzburg. Die nächste Gelegenheit, mich auf Mallorca zu hören, ist am 14. April im Auditori de Porreres mit dem Programm „De Nàpols a Mallorca“. Maria Victòria Cortès und ich präsentieren dabei unter anderem Werke von Samper, Mariño, Parera Fons, Opernarien und Zarzuelas.

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