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Mallorca Zeitung

Martina Voss-Tecklenburg Bundestrainerin

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über das verlorene EM-Finale, den Hype in Deutschland und die Mallorca-Finca

Die MZ sprach mit der 54-Jährigen drei Tage nach dem Endspiel in London

Martina Voss-Tecklenburg umarmte ihre Spielerinnen nach dem EM-Finale. Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Es sollte nicht sein. In der Verlängerung hat die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag (31.7.) das EM-Finale gegen England verloren. „Müde, kaputt und immer noch heiser“, bezeichnet Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ihren Zustand am Mittwoch (3.8.), als die MZ sie am Telefon erreicht. Ab Sonntag (7.8.) macht die 54-Jährige Urlaub auf Mallorca. Dann wieder zur Miete. Ihr Mann hatte ihr eine Finca auf der Insel als Prämie bei einem EM-Sieg versprochen.

Ist nach dem verlorenem Finale der Traum von der Mallorca-Immobilie geplatzt?

Anscheinend. Wir haben viele Zuschriften bekommen von Leuten, die auf Mallorca eine Finca haben. Die laden uns zu einem Kaffee oder einem Urlaub ein. Wobei ich nicht ganz so glücklich darüber war, dass mein Mann mit dem Thema in die Öffentlichkeit gegangen ist.

Das klang auch etwas altbacken. Der Mann, der das Geld verdient, und der Frau ein Haus kauft. Sind das nicht Werte, gegen die Sie seit Jahren ankämpfen?

Wir sind eine Familie und haben beide ein gutes Einkommen. Es wäre eine gemeinschaftliche Investition in uns und die Zukunft unserer Kinder. Klar kann das altbacken klingen. Ich kenne meinen Mann aber schon lange. Es ging ihm mehr um die Symbolik. Er wollte seiner Frau einen langersehnten Wunsch erfüllen.

Wobei Ihr Mann das nun schon wieder als WM-Prämie versprochen hat.Können Sie noch so lange warten?

Da die EM wegen Corona verschoben wurde, steht die WM schon nächstes Jahr an. Das heißt, wenn wir jetzt anfangen, uns umzuschauen, könnte es zeitlich klappen.

Welche Ecke reizt Sie denn am meisten?

Wenn wir auf der Insel sind, dann meist in der Gegend um Port d‘Andratx. Aber da sind wir flexibel und ich kann mir auch die Inselmitte gut vorstellen. Jetzt sollten wir aber langsam zum Sportlichen kommen.

Ich könnte wohl besser mit der Niederlage umgehen, wenn wir chancenlos 0:3 oder 0:4 verloren hätten.

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Gerne. Drei Tage nach dem Finale: Überwiegt die Trauer über die Niederlage oder die Freude über das Erreichte?

Tatsächlich noch beide Gefühle. Wenn ich das Turnier als Ganzes anschaue, überwiegt die Freude. Vor allem darüber, wie wir aufgetreten sind. Die Art und Weise, wie wir das Finale verloren haben, sorgt aber immer noch für Bauchweh. Ich habe mir das Spiel erneut angeschaut. Wir waren sicher nicht die schlechtere Mannschaft. Ich könnte wohl besser mit der Niederlage umgehen, wenn wir chancenlos 0:3 oder 0:4 verloren hätten. So hadere ich. Am Ende fehlten nur fünf Minuten bis zum Elfmeterschießen.

Welches englische Mannschaften traditionell verlieren…

(lacht) Das haben aber jetzt Sie gesagt!

Ich bin immer noch ein wenig sprach- und ratlos, dass die Schiedsrichterin sich das nicht angesehen hat. Ich hätte gerne eine entsprechende Antwort, warum das nicht passiert ist.

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Der nicht gegebene Handelfmeter hat für Unmut gesorgt. Wie bewerten Sie die Szene?

Ich bin immer noch ein wenig sprach- und ratlos, dass die Schiedsrichterin sich das nicht angesehen hat. Ich hätte gerne eine entsprechende Antwort, warum das nicht passiert ist. Bei manchen Entscheidungen der Schiedsrichterinnen sehe ich schon, dass noch Verbesserungsbedarf besteht. Im Laufe das Turniers gab es vier bis fünf grenzwertige Szenen, die die Spiele beeinflusst haben. Da wünsche ich mir, dass die Verantwortlichen die Leistungen der Schiedsrichterinnen objektiv bewerten. Denn auf Top-Niveau sehe ich die Unparteiischen zum Teil noch nicht.

Der leidenschaftliche Auftritt Ihrer Mannschaft hat viele Fans mitgerissen, die vorher mit dem Frauenfußball wenig am Hut hatten. Wie haben Sie das erlebt?

In England gar nicht so viel, was den Hype um unsere Mannschaft angeht. Da haben wir kaum Tickets für unsere Leute bekommen und es war schwierig zu begreifen, was da gerade in Deutschland abgeht. Das hat sich mit unserem Empfang in Frankfurt geändert. Auch wie wir mittlerweile auf der Straße angesprochen werden. Das ging schon bei der Ankunft am Flughafen so. Da merke ich: Wow, wir haben da etwas losgetreten. Jürgen Klopp hat mir geschrieben. Er kennt es ja, Endspiele zu verlieren... Er hat mir gesagt: ‚Martina, bleibt auf eurem Weg. Ihr spielt einen fantastischen Fußball.‘ Er liebt unseren Spielstil. Das von ihm zu hören, tut uns unglaublich gut. Die Fans denken, wenn das Klopp cool findet, will ich das auch unbedingt anschauen. Es muss aber nachhaltig sein. Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen und dranbleiben.

Wie soll das klappen? Verliert sich das nicht im Alltag der Bundesliga?

Das muss man differenzieren. Wir sind die Nationalmannschaft und bewegen eine Nation. Das ist in anderen Sportarten ähnlich. Im Oktober testen wir in Dresden gegen Frankreich. Der Ticketverkauf ist gestartet. Wir wollen die Hütte mit 30.000 Leuten vollbekommen. In der Bundesliga ist das Interesse geringer. Wir haben nun viele bekannte Gesichter geschaffen und hoffen, dass die Fans die Spielerinnen im Verein sehen wollen. Da müssen wir uns aber weiter über komfortable Stadien, bessere Anstoßzeiten und Highlightspiele unterhalten, die wir brauchen.

Eines der bekanntesten Gesichter ist Alexandra Popp. Die Satirezeitung „Postillon“ meinte, dass die Stürmerin auch den Herren von Hansi Flick helfen könnte. Wie sehen Sie das?

Den Stürmertyp, den sie verkörpert, würde jeder Mannschaft auf der Welt gut tun. Hansi interpretiert den Fußball wie wir. Eine Spielertyp wie Popp hat er aktuell nicht. Ich persönlich finde es traurig, dass sie nach ihrer persönlichen Geschichte das Finale verpasste. Erst ist sie verletzt, dann Corona. In der ersten Partie sitzt sie auf der Bank, rückt wegen eines Corona-Falls im zweiten Spiel in die Startelf und trifft im weiteren Turnier sechs Mal. Und dann verletzt sie sich im letzten Moment des Abschlusstrainings.

Wir haben genügend Frauen, die das Potenzial haben, in der Bundesliga durchzustarten. Der Männerfußball muss sich öffnen. Wir sind bereit dafür. Es ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Qualität.

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Auch Sie sind im Männerfußball im Gespräch. Schalke-Vorstand Peter Knäbel meinte, er sieht Sie in der Bundesliga…

Peter und ich kennen uns schon seit vielen Jahren. Er hat mich damals auch in die Schweiz geholt. Wir haben genügend Frauen, die das Potenzial haben, in der Bundesliga durchzustarten. Der Männerfußball muss sich öffnen. Wir sind bereit dafür. Es ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Qualität. Das haben wir jetzt wieder bei der EM gezeigt. Guter Fußball hat mit anderen Faktoren zu tun: Leidenschaft, Intensivität und Mut. Beim DFB machen wir es schon lange so, dass wir uns gemeinsam bei den Tagungen besprechen. Unabhängig davon, ob es Trainer von Frauen-, Männer- oder Jugendmannschaften sind. Ich finde es traurig, dass es heute immer noch die Fragestellung gibt: Trauen Sie es ihr zu? Neulich war ich zu einer Ausbildung für Teammanager im Profifußball eingeladen. Der Leiter hat, ohne einen Namen zu nennen, meine Vita vorgelesen. Dann hat er die zukünftigen oder schon aktiven Manager gefragt: ‚Würdet ihr diese Person einstellen?‘ Da haben alle wie aus der Pistole geschossen ‚Ja‘ gesagt. Als er enthüllt hat, dass es um mich, also eine Frau, geht, sind alle erstmal verstummt. Dann kam kein klares ‚Ja‘ mehr.

Käme es für Sie überhaupt infrage?

Ich mache mir über alles Gedanken, was auf mich zukommt. Aktuell bin ich aber Bundestrainerin und beschäftige mich damit, was ich mit der Mannschaft noch vorhabe. Das ist ein riesiges Privileg.

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