Manchmal klettert man die Karriereleiter schneller hoch, als man es sich überhaupt erträumen kann. „In zehn Jahren sehe ich mich in der Nationalmannschaft, mit der ich Titel gewinne“, sagte Fußballerin Cata Coll 2018, als sie gerade mit der U17 die WM gewonnen hatte. Keine fünf Jahre später steht sie mit den Erwachsenen nun kurz davor, es zu schaffen. Die 22-Jährige aus Pòrtol wird im WM-Finale gegen England am Sonntag (20.8., 12 Uhr, ZDF überträgt in Deutschland, RTVE in Spanien) ziemlich sicher zwischen den Pfosten stehen. Und mit Mariona Caldentey ist noch eine zweite Mallorquinerin in der Startelf von Trainer Jorge Vilda zu erwarten.

Erstmals in der Geschichte des spanischen Fußballs stehen die Frauen im WM-Finale, und das bei der erst dritten Teilnahme an der Endrunde. Es ist das Resultat jahrelanger Arbeit, die den lange verpönten Frauenfußball populär gemacht hat. „Heutzutage können kleine Mädchen von der WM träumen. Als wir in dem Alter waren, was das nicht möglich“, sagte Mariona Caldentey nach dem gewonnenen Halbfinale (2:1) am Dienstag gegen Schweden. Das klingt jetzt, als wären ihre Kindheitserinnerungen Jahrzehnte her. Dabei ist die Flügelangreiferin aus Felanitx gerade mal 27.

Mallorcas Pionierin

Sollte Spanien am Sonntag Weltmeister werden, kann sich auch Pili Espadas als Siegerin fühlen. Ohne sie hätten es die beiden mallorquinischen Nationalspielerinnen vermutlich nie so weit gebracht. Vor 25 Jahren scharte die heute 41-jährige Spielertrainerin eine Gruppe Freundinnen und Mädchen aus dem Stadtviertel Coll d’en Rebassa um sich und gründete die Frauenmannschaft von Collerense. „Mein zwei Jahre älterer Bruder spielte bei den Herren. Ich ging mit ihm oft zum Training und kickte ein bisschen mit dem Ball. Die Jungs sagten: ‚Das Mädel kann was.‘ Ich schämte mich aber, mit ihnen zu spielen“, erinnert sich Pili Espadas.

Kapitänin Pili Espadas (ganz re.) muss ihre Rasselbande zusammenhalten. Foto: Bosch

Die Frauen trainierten auf Ascheplätzen, bis sie im Ca Na Paulina spielen durften. Ein Stadion, eingeklemmt zwischen Bucht und Flughafenautobahn, das mit seiner Ausstattung und den hohen Mauern eher an einen Gefängnisinnenhof erinnert. Collerense, das ist die Geschichte des Außenseiters, der mit den Vorurteilen bricht und ganz groß rauskommt. Obwohl nie wirklich Geld in der Kasse war, stieg die Mannschaft immer weiter auf. 2009 erreichte sie mit der ersten Liga die höchste spanische Spielklasse.

Die Frischlinge, wie sich das Team selbst nennt, machten sich als Talentschmiede einen Namen. Virginia Torrecilla, Patricia Guijarro oder eben Cata Coll und Mariona Caldentey schaffte es von Collerense aus in die Nationalmannschaft. „Da steckt unsere Arbeit dahinter“, erklärt María Jesús Tamurejo, die Zuständige für den Frauenfußball beim balearischen Verband. Der Kampfgeist sei in die DNA der Mallorquinerinnen übergegangen, meint Pili Espadas.

Euphorie in Barcelona

Zur Geschichte gehört aber auch, dass all diese Spielerinnen früher oder später der Insel den Rücken kehrten und auf dem Festland ihr Glück suchten. Bei Guijarro, Coll und Caldentey war der FC Barcelona der erste Anlaufpunkt. Mit den Katalaninnen trugen sie zur Frauenfußball-Euphorie bei.

Mariona Caldentey, Cata Coll und Patricia Guijarro. Barça

So schlecht Barça bei den Männern wirtschaftet und große Schulden anhäuft, muss man dem Club dennoch zugutehalten, den Frauenfußball stark zu fördern. Das zahlt sich auch sportlich aus. 2021 gewannen die Barça-Frauen erstmals die Champions League, auch im vergangenen Juni holten die Frauen den Henkelpott. Das Erfolgsrezept waren Besuche im Kraftraum: „Gut spielen konnten wir schon immer. Wir hatten aber Probleme, körperlich mitzuhalten“, sagte Mariona Caldentey bereits 2017 im MZ-Interview.

Getragen wird der spanische Frauenfußball auch von der Begeisterung der Fans. 91.648 Zuschauer sahen das Champions-League-Halbfinale zwischen Barça und Wolfsburg im vergangenen Jahr im Camp Nou – das ist der Weltrekord. Natürlich werden solche Partien als Highlight-Spiele ausgerufen und die Leute mit dem Rekordversuch geködert. Dennoch zeigte bereits dieses Spiel das Potenzial, das der Frauenfußball birgt.

Trotz Aufstand im Finale

Dabei ist es wohl noch ein weiter Weg, bis sich der Frauenfußball gänzlich etabliert. Im vergangenen September schickten 15 Nationalspielerinnen, darunter Caldentey und Guijarro, eine Mail an den Verband, in der sie die Missstände anprangerten und ankündigten, nicht länger für Spanien spielen zu wollen. Was ihnen exakt missfiel, ist bis heute unklar. In den Medien war von einer regelrechten Rebellion die Rede. „Die Welt lacht über uns“, sagte Trainer Jorge Vilda dazu.

Kurz vor der Nominierungsfrist knickten zwölf der Rebellinnen ein. Klärende Gespräche und Zugeständnisse des Verbands in Sachen Kinderbetreuung und höhere Entschädigungszahlungen halfen dabei. Während Mariona Caldentey nach Australien mitflog, blieb Guijarro stur und freut sich nun wohl von der Couch aus, wie ihre Kolleginnen dem Titel entgegensteuern.

Hoffen auf den nächsten Schub

Auf Mallorca könnte der WM-Titel dem Frauenfußball einen erneuten Schub geben, der auch dringend benötigt wird. Erstligist Real Mallorca macht derzeit keinerlei Anstalten, die Frauen zu unterstützen. Es gibt für sie weder Profi-, noch Amateure- oder Nachwuchsteams. Nur Celta de Vigo und Getafe haben von den spanischen Erstligsten eine ähnlich veraltete Sicht auf den Frauensport.

Pili Espadas stürmt zwar immer noch für Collerense – „es wird meine letzte Saison werden“ – allerdings ist der Verein mittlerweile in die vierte Liga abgestürzt. Atlético Baleares hat den Frischlingen ein wenig den Rang abgelaufen. Das Team des deutschen Eigentümers Ingo Volckmann spielt in der dritten Liga und scheiterte in der vergangenen Saison knapp am Aufstieg. Mit Jana Rippberger ist auch eine deutsche Spielerin dabei.

Bei Atlético Baleares gibt es erst seit dieser Saison wieder eine Frauenmannschaft. Foto: ATB

Talente gebe es auf Mallorca aber immer noch genügend, sagt Espadas. „Bald bringen wir die nächsten Nationalspielerinnen hervor.“ Sie werden ihre Vorbilder am Sonntag beim WM-Finale anfeuern. In Palma, Pòrtol und Portocolom werden eigens große Leinwände für ein Public Viewing aufgebaut.

Und gewinnen die Spanierinnen am Ende die WM? Davon ist Espadas überzeugt. „In der Nacht vor dem Halbfinale habe ich zuletzt mit Mariona und Cata auf WhatsApp gechattet. ‚A por ello‘, haben sie mir geschrieben.“ Lass uns den Titel angreifen, heißt das und bedeutet ein gesundes Selbstvertrauen.