Mallorca Zeitung

Mallorca Zeitung

Me-Too-Skandal in der Schachwelt: Mallorcas Weltmeisterin protestierte schon vor 30 Jahren

Die Schachwelt ist von Sexismus durchzogen. Mónica Calzetta prangerte schon vor Jahrzehnten die Missstände an

Die Mallorquinerin Mónica Calzetta ist Spaniens beste Schachspielerin und seit Anfang November Weltmeisterin. | FOTO: BENDGENS

Auch zwei Wochen nach dem WM-Sieg fliegen Mónica Calzetta noch von allen Seiten Glückwünsche zu. Die in der Schweiz geborene Mallorquinerin ist frischgebackene Schach-Weltmeisterin in ihrer Altersklasse. Die Gäste im Café „Al vent del món“ in Palma, wo die MZ die 50-Jährige trifft, umarmen und knuddeln sie. „So einen Trubel um meine Person gab es noch nie. Ich bin zwar ein wenig schüchtern, genieße es aber schon“, sagt Calzetta. Ehre, wem Ehre gebührt. Das ist in Zeiten, in denen glatzköpfige Verbandspräsidenten mit Macho-Gehabe Weltmeisterinnen die Show stehlen, gar nicht so selbstverständlich. Auch in der eigentlich ruhigen und elitären Schach-Welt nicht, die gerade von einem Sexismus-Skandal erschüttert wird.

Mónica Calzetta kam in Genf zur Welt. Ihr Vater ist Italiener, die Mutter Spanierin. „Wir hatten eine Ferienwohnung auf Mallorca. Meiner Mutter gefiel es da schon immer besser, und so wanderten wir aus“, erzählt sie. Damals war sie sechs Jahre alt. Über eine Schach-AG in der Schule kam sie zu dem Königsspiel, das sie seitdem nicht mehr loslässt. „Schach hat eine gewisse Eleganz, die mich begeistert. Zudem bin ich ein Wettkampftyp und mag es, mich mit anderen Personen zu messen“, sagt Calzetta.

Schneller Aufstieg an die Spitze

Schnell spielte sie sich an die Spitze der spanischen Schachwelt. 1992 gewann sie die Universitätsmeisterschaft. Um die Jahrtausendwende dominierte sie die Szene und holte sieben Meistertitel. Spaniens beste Schachspielerin ist die einzige Frau im Land, die von dem Sport leben kann. Allerdings nicht von Sponsoren und Preisgeldern. Mit ihrem Club Mallorca Isolani gibt sie Schach-Nachhilfe.

Kampf gegen den Schachverband

Schon vor 30 Jahren kämpfte die Mallorquinerin gegen Sexismus in der Szene. An einer Weltmeisterschaft nahm sie jahrelang nicht teil, weil der spanische Verband schlichtweg keine Frauen förderte und zu internationalen Turnieren anmeldete. „Die Verantwortlichen meinten, die Quote an Abbrecherinnen sei zu hoch. Schließlich zögen sich manche Spielerinnen aus dem Profisport zurück, wenn die Familiengründung ansteht“, sagt Calzetta. Auch Preisgelder bei Wettbewerben waren bei den Damen wesentlich niedriger.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Der Schachweltverband Fide rief 2022 das „Jahr der Frau“ aus, um für Gleichberechtigung zu sorgen, und suchte einen Sponsor. Klingt gut? Blöderweise war der Geldgeber letztlich ein Unternehmen, das Implantate für eine Brustvergrößerung herstellt. Auch dieses Jahr leistete sich der Verband einen Fehltritt. Im August veröffentlichte Fide ein Statement, wonach Transpersonen – nur die Männer, die ihr Geschlecht in weiblich geändert haben – nicht mehr an Frauenturnieren teilnehmen dürfen. Der Verband unterstellt, dass Frauen Männern im Schach von Natur aus unterlegen sind.

14 französische Schachspielerinnen schrieben im August einen offenen Brief, in dem sie erlebte sexistische oder sexuelle Gewalt durch Trainer, Schiedsrichter oder Mitspielern anprangerten. Das Schreiben hat einen MeToo-Effekt. 70 Frauen offenbarten im Anschluss, selbst Opfer gewesen zu sein. „Wir sind davon überzeugt, dass diese Belästigungen und Übergriffe immer noch einer der Hauptgründe sind, warum Frauen und junge Mädchen, insbesondere im Teenageralter, mit dem Schachspiel aufhören“, heißt es in dem Brief. Bei den Schachturnieren gibt es in der Regel keine Altersunterteilung. Dass junge Mädchen auf betagte Herren treffen, ist an der Tagesordnung.

Ausgelöst hatte die Schach-MeToo-Bewegung die US-Großmeisterin Jennifer Shahade. Sie beschuldigte in sozialen Netzwerken den Costa Ricaner Alejandro Ramírez der sexuellen Belästigung. Nur wenige Minuten später meldeten sich weitere Opfer. Das „Wall Street Journal“ fand acht Frauen, die Vorwürfe gegen Ramírez erheben. Der Costa Ricaner trainierte 2022 das US-Team der Damen und spielt selbst für den US-Verband, der ihn mittlerweile ausgeschlossen hat.

„Wir haben uns vorgestellt, mit dir später Gruppensex zu haben“, habe die 24-jährige Schweizerin Lena Georgescu bei einem Schachturnier zu hören bekommen, berichtet die „NZZ“. „Solche Aussagen habe ich zum Glück seit 30 Jahren nicht mehr gehört“, sagt Mónica Calzetta dazu. „Es ist klar, dass sich etwas ändern muss. Und damit meine ich nicht das Spiel, denn das ist perfekt.“ Die Mallorquinerin ist mit dem Schachspieler Sergio Estremera verheiratet, der seit 23 Jahren ihr Trainer ist.

„Schach ist eine Männerwelt. Manche Spieler fühlen sich bedroht, wenn Frauen ihren Zirkel betreten und sie dann besiegen“, sagt Calzetta. In Spanien kommt auf zehn im Verband gemeldete Spieler eine Frau. Weltweit ist das Verhältnis mit 1:15 noch schlechter. Die Mallorquinerin hofft, mit ihrem WM-Titel nun einen kleinen Boom auszulösen, so wie es ihre Inselkolleginnen im Fußball geschafft haben. „Immer mehr Kinder wollen Schach lernen und immer mehr Mädchen“, sagt Calzetta. Das liege vor allem an der Netflix-Serie „Das Damengambit“, die vor drei Jahren erschienen ist. Die Protagonistin ist eine Frau, die sich in der Männerwelt durchsetzen und Weltmeisterin werden will.

Sparring-Partnerin für Magnus Carlsen

Wie die 50-Jährige also, die 2003 nicht nur den Grundstein für ihre Karriere legte, sondern auch dem norwegischen Schachgenie Magnus Carlsen einen Karriereschub verlieh. Mónica Calzetta bekam als erste Spanierin überhaupt den Titel des Großmeisters verliehen. Um dem damals zwölfjährigen Carlsen auf das gleiche Niveau zu heben, wurde die Mallorquinerin danach gemeinsam mit ihrem Mann zu einem Turnier in Sizilien eingeladen, um gegen den Norweger anzutreten.

„Ich habe verloren, mein Mann ergatterte ein Unentschieden. Er sagte, dass es wohl das letzte Mal war, dass er gegen Carlsen ein Remis holen kann.“ Der Rest ist Geschichte: Carlsen bekam den Titel und wurde der beste Spieler der Welt. Bis heute führt er die Fide-Rangliste mit dem höchsten ELO-Wert an – einer Zahl, die die Spielstärke ausdrücken soll. Bis zu seinem überraschenden Rücktritt in diesem Jahr war Carlsen zehn Jahre lang Weltmeister.

Theoretisch könnte Calzetta die Männer herausfordern, doch das Alter macht ihr einen Strich durch die Rechnung. „Schach ist anstrengend. Pro Turnier verliere ich zwei Kilo, weil ich so viel nachdenke“, sagt die 50-Jährige. Ein Karriereende kommt derzeit aber nicht infrage. „Zum Glück ist die Verletzungsgefahr im Schach dann doch gering.“

Artikel teilen

stats