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Energiekrise: Bei der Gebäudedämmung ist auf Mallorca noch viel Luft nach oben

Lange Zeit wurde beim Hausbau auf der Insel die Energiebilanz kaum beachtet. Das rächt sich nun für die Bewohner. Doch es mehren sich die Zeichen für ein Umdenken

Ein Passivhaus des Architekturbüros OHLAB auf Mallorca. OHLAB

Die Strompreise steigen immer weiter, Energie einsparen ist in diesen Zeiten nötiger denn je. Und in einem zentralen Bereich ist bisher auf Mallorca wenig passiert: Beim klimaschonenden Bauen und Sanieren besteht jede Menge Luft nach oben. Das zeigt ein Blick auf das Transparenz-Portal der Balearen-Regierung, wo die Energieeffizienz der Gebäude auf den Inseln veröffentlicht wird. Ganz abgesehen davon, dass bislang erst 12.850 Immobilien über dieses Zertifikat verfügen, schneiden die getesteten Gebäude auch noch mau ab. Nur 7.634 besitzen eine gute oder akzeptable Energieeffizienz, mehr als 40 Prozent fallen mit schlechten Werten durch. Als akzeptabel gelten die Energieeffizienz-Klassen A, B, C und D. Durchgefallen sind die Immobilien mit E, F und G. Die beste Effizienz-Klasse besitzen gar nur 408 der getesteten Gebäude, die schlechteste immerhin 1.369.

Carles Oliver, Architekt der balearischen Wohnungsbaugesellschaft Ibavi, attestiert den Gebäuden auf den Balearen im Allgemeinen eine „niedrige Qualität“. Hauptgrund: Die Winter auf den Inseln wurden als vergleichsweise mild erachtet, erklärt er der MZ. Zwar sei auch früher schon im Winter vor allem Holz verheizt worden. Im Sommer allerdings habe man vor allem aufgrund der dicken Mauern der Häuser nichts tun müssen, um eine angenehme Temperatur im Innenraum zu halten. Heute ist das ohne Klimaanlage in den wenigsten Wohnungen möglich.

Dabei sparen die Besitzer von Immobilien mit besseren Effizienzklassen bares Geld. Die spanische Verbraucherschutzorganisation OCU rechnet vor, dass ein Gebäude mit der Klasse E im Jahr auf rund 1.000 Euro mehr an Heizkosten kommt als ein Haus der Klasse A. Eine nachträgliche Dämmung macht sich also in den meisten Fällen schon nach wenigen Jahren bezahlt. Auch Carles Oliver spricht von einem „enormen Einsparungspotenzial“.

Fördertöpfe fürs Sanieren

Und es geht nicht nur um Privathäuser. Auch die Geschäfte auf der Insel müssen ihre Energiebilanz verbessern. Deshalb hat die balearische Landesregierung eigene Fördertöpfe für die energetische Sanierung der Geschäfte von Madrid gefordert. Zunächst wurden 1,4 Millionen Euro von der Zentralregierung bewilligt. Doch die Einzelhändler teilten der Landesregierung Mitte August mit, dass diese Summe unzureichend sei. Deshalb arbeitet man derzeit im zuständigen Ministerium auf den Balearen daran, dass diese Summe auf 3,1 Millionen Euro ausgeweitet wird. Aus europäischen Fördertöpfen stehen den Balearen für den Einbau von erneuerbaren Energien 5,6 Millionen Euro sowie für Maßnahmen zum Energiesparen und mehr Energieeffizienz weitere 2,9 Millionen Euro zur Verfügung.

Auch Romeo Gündling ist der Ansicht, dass auf Mallorca dringend die Energieeffizienz der Häuser verbessert werden muss. Der Frankfurter hat mit seiner Firma GC-Group in der hessischen Metropole eine Möglichkeit des nahezu klimaneutralen Bauens ersonnen, wie er sagt, und will diese auch bald auf Mallorca umsetzen. Auf einem Grundstück in Sa Pobla soll im Frühjahr das erste Objekt gebaut werden. Dort steht Gündling kurz davor, ein Projekt mit drei Reihenhäusern in nachhaltiger Bauweise umzusetzen. In Deutschland werden die Häuser unter der Klassifizierung KfW 40 geführt – Niedrigenergiehäuser, die nur 40 Prozent der Primärenergie benötigen. Der bauliche Wärmeschutz ist um fast 50 Prozent besser als bei herkömmlichen Häusern.

Häuser komplett rückbaubar

Die GC-Group verwendet dafür ausschließlich den Baustoff Holz. Die Besonderheit: Die Häuser müssen nicht abgerissen werden, sollten sie eines Tages nicht mehr benötigt werden. Man kann die Einzelteile einfach abbauen, wiederverwenden oder recyceln. Dämmelemente werden in die Holzwände mit verschraubt. „60 Prozent unseres weltweiten Abfalls wird auf die Bauindustrie zurückgeführt. Davon müssen wir wegkommen“, sagt Gündling. Und noch ein Vorteil: Ein Holzhaus könne während seiner Lebensdauer im Durchschnitt zehn Tonnen CO₂ speichern.

Daneben hat Gündling einen Green Cube entwickelt – ein nur 18 Quadratmeter großer Wohnwürfel, der gut nach Mallorca passe. Denn er könne neben seiner hohen Energieeffizienz auch dabei helfen, die Wohnungsnot zu lindern. Der Green Cube hat kein Fundament und kann nahezu überall aufgebaut werden, sein Preis liegt bei rund 100.000 Euro.

Vorbild Passivhaus

Neue Konzepte braucht das Bauen der Zukunft, das finden auch Architekten von der Insel. Einer, der energieeffizientes Bauen vormacht, ist Jaime Oliver vom Architekturbüro OHLAB. Er hat gemeinsam mit seinem Team das höchste Passivhaus der Insel geplant. Es steht am Paseo Mallorca in Palma und verbraucht deutlich weniger Energie als herkömmliche Wohnhäuser. Oliver: „Wenn man sich wirklich an die Passivhaus-Bauweise hält, beträgt der jährliche Verbrauch weniger als 14 Kilowattstunden pro Quadratmeter.“

Zum Vergleich: Viele Häuser auf Mallorca aus den vergangenen Jahrzehnten haben einen Konsum von mehr als 100 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Im Grunde, so Oliver, bediene sich die Passivhaus-Architektur längst bekannter Konzepte, die in früheren Zeiten bereits so umgesetzt worden seien. So habe man vor der Mitte des 20. Jahrhunderts große Fensterflächen grundsätzlich nicht nach Norden ausgerichtet.

Immer mehr erneuerbare Energien

Die Innovationen in der Baubranche kommen zeitgleich mit strengeren Vorgaben der Politik, berichtet Namensvetter Carles Oliver vom Ibavi. Erst im vergangenen Jahr wurde eine staatliche Richtlinie eingeführt, die neue Mindeststandards bei der Energieeffizienz vorschreibt. So ist es bei Sanierungen inzwischen Pflicht, die Energieeffizienz der Gebäude zu verbessern. Bei Neubauten müsse nun immer mehr darauf geachtet werden, den Anteil der nicht erneuerbaren Energien herunterzuschrauben. Etwas spät, wie Oliver findet. „Wenn wir vorausschauender gehandelt hätten, würde uns die Erhöhung der Gaspreise jetzt nicht treffen.“

Die Wohnungsbaugesellschaft Ibavi errichtet nach Angaben von Oliver nur noch Gebäude mit der Energieeffizienzklasse A. Diese würde dank unterschiedlicher Passivsysteme erreicht, beispielsweise Fensterläden, die sich nicht aufheizen und im Sommer den Wind vom Meer her (Embat) durchlassen, oder Wärmespeicher-Galerien, die nach Süden ausgerichtet sind und im Winter das Haus erwärmen. In Zukunft würden derartige Lösungen noch viel wichtiger, so Carles Oliver. Nickel oder Lithium, was etwa für Solaranlagen benötigt wird, dürfte nach Ansicht der Experten in den nächsten 20 Jahren knapp werden – und die Preise drastisch anziehen. Deshalb sei eine Passivbauweise die bessere Option.

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