Eine alte Tchibo-Leuchtreklame hängt links an der Wand, rechts reihen sich Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Künstler aneinander. In einem alten, vergitterten Regal, direkt gegenüber dem Sofas im Leoparden-Muster am Eingang, liegen verschiedene Fotobücher aus. Hinten links um die Ecke ist ein Fotostudio eingerichtet. An einer Kleiderstange hängen farbenfrohe Flamenco-Kleider für ein Fotoprojekt, das bald ansteht. „Lola Fritz“, der neue Kreativraum in Palmas Stadtteil Pere Garau, ist ein Ort zum Entdecken.

Foto aus der Serie "Neverland" Ruth Hundeshagen

Es ist das Projekt der deutschen Fotografin Ruth Hundeshagen. Sie hat die Räume Anfang November in der kleinen Seitenstraße Passatge de Mart, 12, eröffnet hat. Es ist eine Mischung aus Co-Working-Space, Fotostudio und Galerie. Zur Eröffnung vor einigen Wochen gewann Hundeshagen namhafte Künstler von der Insel wie Tomeu Coll, Lluc Queralt oder auch Claire O’Keefe. Der Raum ist ein Experiment. Und so ganz genau mag sich Ruth Hundeshagen nicht festlegen, in welche Richtung es gehen soll.

Vor allem soll es ein Ort des Austauschs werden. Ausstellungen will sie in unregelmäßigen Abständen veranstalten, Buchpräsentationen sind ebenfalls geplant, vielleicht kommen irgendwann auch Workshops hinzu. Vor Weihnachten veranstaltete sie einen kleinen Fotoflohmarkt. „Ich wollte einen Ort haben, an dem ich auf andere Fotografen treffen kann“, erklärt die 38-Jährige. „Und wenn ich mir die Rückmeldungen anschaue, scheint es so einen Ort zu brauchen.“ In der Fotografenszene auf der Insel rückten persönliche Eitelkeiten gern mal in den Vordergrund, bei „Lola Fritz“ aber sei die Atmosphäre sehr entspannt, habe man ihr gesagt.

Eine Kindheit in Deià

Ruth Hundeshagen ist vergleichsweise spät zur Fotografie gekommen. Zwar sei sie schon als Studentin häufig mit der Kamera herumgerannt, erzählt sie. Dass sie das Hobby zum Beruf machte, war aber mehr Zufall. Die studierte Architektin arbeitete vor einigen Jahren als Producerin bei einer Werbeagentur in Palma. Als im Jahr 2018 Bilder für die Kampagne „Soul Matters“ der Hotelkette Meliá gebraucht wurden, die in Afrika entstehen sollte, fragte sie ihr Chef, ob sie nicht aushelfen könne. Die Fotos wurden sehr gut, prangten in London an Taxis und in Madrids zentralem Bahnhof Atocha auf einem riesigen Plakat. „Ich hatte viel Glück“, sagt Hundeshagen.

Die Verbindung zur Insel bestand indes schon länger. Als Hundeshagen ein Kind war, besaß ihre Familie eine Ferienwohnung in Deià. Vier- bis fünfmal im Jahr ging es in das Tramuntana-Dorf. „Da meine Familie in der Zeit innerhalb Deutschlands immer wieder umzog, war Deià für mich ein Ort, der wie ein Zuhause war“, erzählt sie. Als sie 16 Jahre alt war, zog die Familie komplett nach Palma. Hundeshagen machte hier ihren Schulabschluss, bevor es für das Studium und die ersten Berufsjahre wieder nach Deutschland ging. Seit 2011 lebt sie wieder fest auf der Insel, hatte unter anderem einen Job in einem Immobilienunternehmen.

Vergittertes Regal mit Fotobüchern in "Lola Fritz" Nele Bendgens

Ein Name mit doppelter Bedeutung

„Lola Fritz“ ist eine doppelte Anspielung. Zum einen ist Fritz der Name, den ihre Eltern ausgesucht hatten, falls sie ein Junge gewesen wäre. Lola hingegen beschreibt ihre spanische Seite. „Ruth ist zwar Deutsche, aber sie ist spanischer als Lola Flores“, hieß es auf der Website der Immobilienfirma. Lola Flores war eine spanische Sängerin und Schauspielerin.

Seit rund vier Jahren ist Hundeshagen, die in der Nähe von Bonn geboren wurde, hauptberuflich als Fotografin auf Mallorca aktiv. Zu ihren Kunden gehören namhafte Hotelketten, sie fotografiert aber auch Hochzeiten. Und widmet sich, wenn die Zeit es hergibt, ihren persönlichen Projekten. In der Pandemie fotografierte sie Palma im Lockdown, die Bilder erschienen in der MZ. Als die ersten Lockerungen es ermöglichten, porträtierte sie Menschen, die auf Dächer auswichen, um an die frische Luft zu kommen. Heraus kamen eindrucksvolle, manchmal ein wenig skurrile Porträts.

Die Bilder wurden bereits im Studio Weil in Port d’Andratx ausgestellt. „Ich mag es, Dinge zu fotografieren, die vor dem Verschwinden stehen“, sagt Hundeshagen. „Dinge, an die man nicht so einfach herankommt.“ Denn genauso wie vor der Pandemie kaum jemand Zeit auf dem Dach verbrachte, hat sich diese Mode verflüchtigt, als man wieder raus auf die Straße, an den Strand, in die Natur durfte. Ein weiteres ihrer Projekte setzt sich mit den traditionellen Hausschlachtungen auseinander. In einem anderen begleitete sie einen mallorquinischen Fischer bei seiner Arbeit auf hoher See.

Eine Lücke füllen

„Lola Fritz“ bietet viele Möglichkeiten in einer Stadt, in der unabhängige Kulturorte rar gesät sind. Die ersten Reaktionen deuten darauf hin, dass viele Fotografen, teilweise auch Künstler anderer Richtungen, Lust haben, an dem Projekt teilzuhaben, Ausstellungen zu machen. Es war sogar schon die Rede davon, ein Kollektiv zu gründen mit Fotografen von der Insel. Denn auf Mallorca gibt es Fotografen, aber es gibt – mal abgesehen von Casa Planas und seinem Archiv – wenige Orte, an denen die Fotografie im Mittelpunkt steht und nicht mit anderen Kunstgattungen konkurriert.

Das könnte Sie interessieren:

Das große Fotofestival PalmaPhoto wurde vor mittlerweile sieben Jahren abgeschafft. Diese Lücke könnte „Lola Fritz“ ein wenig füllen. Wenn Ruth Hundeshagen denn hinterherkommt mit der ganzen Organisation. „Es ist schon sehr viel Arbeit, Galeristin zu sein“, erklärt sie lachend. „Dabei will ich doch vor allem Fotos machen.