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Mallorca Zeitung

Ein Irrtum: Wie russische Piloten vor 85 Jahren die "Deutschland" vor Ibiza angriffen

Eine Verwechslung sorgte dafür, dass eine Fliegerstaffel ein deutsches Kriegsschaff attackierte, das damals als neutral galt

Die "Deutschland" vor Ibiza. Diario de Ibiza

Vor 85 Jahren, am 29. Mai 1937, attackierten im Spanischen Bürgerkrieg zwei Kampfflugzeuge irrtümlich ein deutsches Panzerschiff vor Ibiza, die "Deutschland", obwohl das Schiff als neutral galt. Bislang hieß es immer, dass der Angriff von spanischen Piloten geflogen worden sei. Wie nun von der MZ-Schwesterzeitung "Diario de Ibiza" veröffentlichte Recherchen zeigen, waren es in Wahrheit russische Piloten. Das wurde seinerzeit wohl verheimlicht, um - zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs - eine Eskalation zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion zu verhindern.

Keinen Weltkrieg riskieren

Kurz nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) hatten die europäischen Großmächte zunächst offiziell vereinbart, nicht in den Konflikt einzugreifen. Zur Überwachung des Abkommens patrouillierten britische, französische, italienische und deutsche Kriegsschiffe in spanischen Gewässern.

Diese Marineeinheiten galten als neutral. Die spanische Küstenlinie wurde in acht Zonen unterteilt und jedem Land ein oder zwei Zonen zur Überwachung zugeteilt. Die deutsche Kriegsmarine war für die Südostküste auf dem Festland zuständig, vom Cabo de Gata (Almería) bis zum Cabo Oropesa (Valencia), worunter die Häfen Cartagena, Valencia und Alicante fielen.

Vor Mallorca Urlaub gemacht

Durch die Nähe zu den Balearen, steuerten die Kriegsschiffe oft Ibiza oder Mallorca an, um Vorräte aufzufüllen, Post zu empfangen oder einfach nur der Besatzung eine Pause zu gönnen.

Die Sowjetunion unterstützte damals die republikanischen Truppen im Kampf gegen die Aufständischen unter Befehl von Francisco Franco. Um sowjetische Hilfslieferungen zu verhindern, setzten die Franco-Truppen die Schlachtkreuzer "Canarias" und "Baleares" ein. Die Schiffe waren eines der wichtigsten Ziele der republikanischen Luftwaffe.

Handelsschiff schützen

In der Nacht des 29. Mai 1937 sollte das Handelsschiff "Magallanes" im Hafen von Cartagena einlaufen. Um die Reise sicherzustellen, sollte die republikanische Luftwaffe ein Ablenkungsmanöver über Ibiza fliegen und das Boot danach begleiten.

Gegen 17 Uhr starteten drei Bomber des Typs Tupolev ANT - 40 SB2 Katiuska in Liria, in der Nähe von Valencia. Sie sollten die "Canarias" und "Baleares" ausfindig machen. Eines der Flugzeuge musste wegen eines technischen Defekts kurz nach dem Start umkehren,

Die Tupolevs der republikanischen Luftwaffe waren zunächst von sowjetischen Piloten geflogen worden, bis die Spanier den Umgang mit den Flugzeugen gelernt hatten. Eine Zeit lang war die Besatzung, die aus drei Personen pro Flieger bestand, gemischt, ehe es nur noch spanische Piloten waren.

Ziel verwechselt

Nachdem die zwei Bomber erfolglos das Meer zwischen dem spanischen Festland und den Balearen auf der Suche nach den zwei Schiffen abgeflogen hatten, steuerten sie den Hafen von Palma de Mallorca an. Doch auch dort war keine Spur von der Franco-Marine. Die Kampfflieger steuerten daraufhin Cartagena an.

Die "Deutschland" vor Ibiza.

Die "Deutschland" vor Ibiza. Diario de Ibiza

Beim Flug über die kleine Insel Tagomago vor Ibiza erspähten die Piloten plötzlich ein großes Kriegsschiff. Sie hielten sie für die "Canarias". Doch es war der Schlachtkreuzer "Deutschland", der an diesem Samstag vor Ibiza auf Reede lag. Um 18.16 Uhr ging das Schiff vor Anker, um 19.12 Uhr wurde Alarm geschlagen vor einem Luftangriff. Der Kapitän gibt den Befehl zum Angriff, doch es war zu spät.

Feuerinferno an Deck

Aus einer Höhe von 1.000 Metern ließen die Flugzeuge vier Bomben fallen, zwei trafen direkt das Schiff. Die Besatzung, die gerade beim Abendessen war, stürzte sich ins Meer, um sich vor dem Flammeninferno zu schützen. Einige kleine mallorquinische Boote versuchten, die Matrosen aus dem Meer zu fischen. Die "Deutschland" sank nicht, aber 31 Besatzungsmitglieder starben, 75 wurden verwundet.

Matrosen begutachten den Schaden an Deck der "Deutschland" vor Ibiza. Diario de Ibiza

Die Kampffliegen landeten nach ihrem Einsatzt in Los Alcázares (Murcia), wo die Besatzung feiernd ausstieg und rief "Wir haben die 'Canarias' getroffen!"

Die "Deutschland" steuerte indes stark qualmend den Faro de la Mola im Süden von Formentera an, um sich dort mit dem Schwesterschiff "Admiral Scheer" zu treffen.

Stark qualmend macht sich die "Deutschland" auf Richtung Formentera. Diario de Ibiza

Angriff wird verschwiegen

Sowohl die sowjetischen Befehlshaber als auch die republikanischen Streitkräfte vereinbarten Stillschweigen über den Angriff. Daher war lange Zeit unklar, wer den fatalen Fehler begangen und das neutrale deutsche Schiff attackiert hatte. Besonders der Sowjetunion war daran gelegen, ihre Beteiligung an dem Vorfall geheim zu halten, um nicht einen Weltkrieg zu riskieren.

Der Presse wurde daher mitgeteilt, dass es sich um spanische Piloten gehandelt hatte. Als Verantwortliche wurden Leocadio Mendiola, Ferran und José Lorenzo Miguel des ersten Fliegers und Árcega, Allende und Ramón López des zweiten Fliegers genannt.

Leocadio Mendiola. Diario de Ibiza

Als Mendiola Jahre später zu dem Angriff gefragt wurde, gab er sich wortkarg und konnte keine Einzelheiten nennen. Schließlich saß er gar nicht im Flugzeug.

Die Recherchen des Autors des Artikels im "Diario de Ibiza" - José María Prats Marí, Kapitän der spanischen Marine in Reserve - zeigen nun, dass es in Wahrheit sowjetische Piloten waren, die die "Deutschland"· attackierten. Schon der russische Marinekapitän Proskurow, Leiter der "Sondermission der sowjetischen Regierung in Spanien", habe in seinem Buch "Unter der Flagge des republikanischen Spaniens" angegeben, dass an Bord des Fliegers, der die Bomben abwarf, Russen waren. Auch der Leiter des Flugplatzes, von dem aus die SB 2 Katiuska startete, haben die Besatzung als sowjetisch ausgewiesen.

Eine weitere Quelle, die darauf hinweist, sei ein 2016 erschienenes Buch über die sowjetischen Freiwilligen, die am Spanischen Bürgerkrieg teilnahmen. Darin enthalten sind die Biografien der drei Piloten, die wohl den Einsatz flogen: Nikolai Ostryakov (Decknamen "Armando García", "Águila"),  Giorgy Levinsky ("Jaime Ferran") und Vasili Lobozov ("Felix López").

Ostryakov, Levinsky und Lobozov, die die "Deutschland" attackierten. Diario de Ibiza

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