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Mallorca Zeitung

Spanien im Sparmodus - wo ab jetzt der Energieverbrauch heruntergefahren wird

Die spanische Regierung kündigt ein Energiesparpaket an. Das dürften die Menschen vor allem beim Einkauf spüren

Klimaanlagen in einem Geschäft: Es soll weniger gekühlt werden. | FOTO: DAVID GARCIA FERNANDEZ

Wenn im Sommer die Temperaturen steigen, wächst in Spanien auch die Gefahr, sich eine Erkältung einzuholen. Denn die allermeisten Geschäfte, Bankfilialen, Büros oder auch Restaurants übertreiben es mit der Klimaanlage und bieten ihrer Kundschaft ein arktisches Ambiente. Das missfällt auch dem Ministerpräsidenten. „Man muss ja nur mal in ein Einkaufszentrum gehen, um zu merken, dass es dort viel zu kalt ist“, sagte Pedro Sánchez, im Rahmen einer Erklärung zum neuen Energiesparprogramm der Linksregierung. Das Kabinett verabschiedete die Maßnahmen am Montag (1.8.), die Maßnahmen traten schon tags drauf in Kraft.

Temperatur in Innenräumen

Demnach muss das Thermostat in öffentlichen Gebäuden im Sommer auf mindestens 27 Grad eingestellt werden, und die Heizung darf im Winter die 19 Grad nicht übersteigen. Das gilt für alle Gebäude der öffentlichen Verwaltung, Einkaufszentren, Kaufhäuser, Supermärkte, andere Geschäfte, Bars, Restaurants oder auch Kultureinrichtungen wie Kinos. Ausgenommen sind Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Bildungseinrichtungen wie auch Friseursalons. Die Beleuchtung der Schaufenster muss ab 22 Uhr ausgeschaltet werden. Die betroffenen Einrichtungen müssen binnen einer Woche die Maßnahmen umsetzen. Die Regel gilt vorerst bis Oktober 2023.

Mit dem Gesetzespaket reagiert Spanien auf die von der Europäischen Kommission angestrebte Einsparung von 15 Prozent des Energieverbrauchs, um für einen drohenden Lieferstopp von Erdgas aus Russland vorbereitet zu sein. Die Sánchez-Regierung will mit dem eigenen Vorstoß zur Drosselung des Stromverbrauchs Solidarität mit den Ländern in Europa zeigen, die von einer möglichen Vergeltung durch das Regime von Wladimir Putin am meisten betroffen wären. Vor zwei Wochen hatte Spanien in Brüssel noch eine Sonderregel im europäischen Notfallplan aushandeln können und muss statt der angestrebten Einsparungen von 15 Prozent den Verbrauch nur um die Hälfte senken.

Dass Madrid beim Energiesparen nun mitzieht, ist nicht ganz uneigennützig. Denn sollte ein Gaslieferstopp aus Russland die deutsche Wirtschaft ausbremsen, wäre auch Spanien betroffen, wie die Wirtschaftszeitung „Cinco Días“ kommentierte. Ein Drosseln des Energieverbrauchs macht in Spanien auch angesichts der drastisch gestiegenen Preise Sinn. Im Juli erreichte die durchschnittliche Stromrechnung der Haushalte mit 115,27 Euro den absoluten Höchststand, wie die Verbraucherzentrale OCU vorrechnete. Ein Unterschied von einem Grad bei der Klimaanlage oder der Heizung senkt den Verbrauch den Schätzungen der Regierung nach um sieben Prozent.

Mehr erneuerbare Energien

Spanien ist in vielen Aspekten ein Nachzügler im Umweltbewusstsein, doch wurden die Hausaufgaben in den letzten Jahren schnell und gründlich gemacht. Beim Ausbau erneuerbarer Energien sind die Iberer viel weiter als die meisten ihrer europäischen Nachbarn. Das neue Maßnahmenpaket soll aber für einen weiteren Schub sorgen. So werden umfangreiche Hilfen für den Ausbau von Solar- und Windkraft zu Verfügung gestellt. Die Installation von Solarplatten im eigenen Haushalt oder Betrieb soll erleichtert werden. Die im Hilfspaket zur Abfederung der Auswirkungen der Inflation, die im Juli 10,8 Prozent erreichte, enthaltenen Zuschüsse für den öffentlichen Personenverkehr werden erweitert.

Besser isolieren

Des Weiteren gibt es Zuschüsse für die Gebäudesanierung, besonders mit Blick auf die Wärmeisolation. Bis Ende September müssen alle Geschäfte automatische Türen haben, damit Wärme beziehungsweise Kühle nicht entweicht. Früher war es in den kurzen Wintern in Spanien im Café oder Restaurant oft ungemütlich frisch, da die Kälte durch alle Ritzen der Fenster und Türen zog. Das hat sich längst geändert. Um Energie zu sparen, soll auch das Homeoffice stärker bemüht werden, da so die tägliche Fahrt zum Arbeitsplatz entfällt. Das sei jedoch vorerst nur eine Empfehlung und keine Verpflichtung, so die Regierung.

Bislang waren es vor allem Krisen, die zu Sparvorgaben führten. In der Finanzkrise nach 2008 beschränkte Spanien etwa das Tempolimit auf Autobahnen auf 110 km/h. Der frühere sozialistische Industrieminister Miguel Sebastián trat damals ohne Krawatte im Parlament auf, um ein Zeichen zu setzen. Ohne die Schlinge um den Hals der Männer ließen sich höhere Temperaturen in den Büros im Sommer besser ertragen. Er wurde dafür aber vom Parlamentspräsidenten José Bono ermahnt.

Demonstrativ ohne Krawatte

Heute hat sich diese Einstellung geändert, und so trat Sánchez vor Tagen ebenfalls demonstrativ ohne Krawatte vor die Kameras und forderte alle Büroarbeiter auf, es ihm gleichzutun. Dafür erntete der Regierungschef reichlich Spott. Die Opposition warf ihm vor, unmittelbar nach der Pressekonferenz mit dem Hubschrauber von seinem Amtssitz zum Flughafen geflogen zu sein.

Schon im Mai hatte die Regierung erste Energiesparpläne für die Staatsverwaltung angekündigt und die Regionalregierungen dazu angehalten, entsprechende Pläne auszuarbeiten. Das haben bis heute aber erst vier der 17 Autonomen Regionen getan, darunter die Balearen, die in ihren Immobilien zwischen zehn und 20 Prozent Energie einsparen will.

Kritik der Opposition

Nicht unerwartet gab es Gegenwind aus Madrid. Die konservative Regionalchefin Isabel Díaz Ayuso nutze das Sparpaket, um wie gewohnt gegen die Linksregierung zu schießen. Das Lichtausschalten der Schaufenster ab 22 Uhr sei schlecht für die Sicherheit und vergraule die Touristen, sagte die streitsame Ministerpräsidentin. Die spanischen Handelsverbände sind grundsätzlich für das Energiesparen, sie fordern jedoch eine differenzierte Behandlung. „Ein Lebensmittelladen ist nicht das Gleiche wie ein Modegeschäft“, so der Vorsitzende des Dachverbands CEC, Rafael Torres. Andere Branchenvertreter verweisen darauf, dass viele Menschen im Sommer in Kaufhäuser gehen, um sich abzukühlen. Das dürfte nun schwieriger werden.

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