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Das Bargeld wird auch auf Mallorca immer mehr zum Rargeld

Deutschland diskutiert über eine Obergrenze für Barzahlungen. In Spanien gibt es sie längst – und sie liegt deutlich niedriger. Hierzulande sind Münzen und Scheine schon länger auf dem Rückzug, ganz aussterben werden sie aber nicht so schnell

So große Summen kann man in Spanien nicht mehr bar bezahlen. Johannes Krayer

Die Rabattschlacht ist in vollem Gange, in Zeiten des Black Friday und des Cyber Monday (28.11.) – und die Menschen geben bei der Suche nach Schnäppchen wieder viel Geld aus. In Spanien wird das wenigste davon bar über den Ladentisch wandern. Das Land hat sich nicht zuletzt im Zuge der Corona-Pandemie, als man tunlichst vermied, mit Münzen und Scheinen zu zahlen, in großer Geschwindigkeit von seiner Vorliebe für Bargeld verabschiedet. Schneller, so scheint es, als etwa Deutschland, wo eine Debatte über eine erstmalige Obergrenze für Barzahlungen erst seit wenigen Wochen in Gange ist. In Spanien zahlen gerade jüngere Menschen inzwischen den überwiegenden Teil ihrer Einkäufe mit Kreditkarte oder dem Smartphone.

Nutzung deutlich gesunken

Die Statistiken der spanischen Zentralbank und der Deutschen Bundesbank unterscheiden sich denn auch deutlich. Laut den neuesten Zahlen aus dem Dezember 2020, also bereits zu Zeiten der Corona-Pandemie, erklärten nur noch 35,9 Prozent der Spanierinnen und Spanier, Bargeld als häufigstes Zahlungsmittel zu nutzen (2014 waren es noch 80 Prozent gewesen). Eine Mehrheit von 54,1 Prozent zahlt die meisten Einkäufe inzwischen mit der Debitkarte.

Zum Vergleich: In Deutschland werden nach Angaben der Bundesbank aus dem Jahr 2021 noch 58 Prozent aller Bezahlvorgänge in bar abgewickelt, vier Jahre zuvor waren es gar noch 74 Prozent.

Für das Jahr 2020 hat die CaixaBank absolute Zahlen ermittelt. Laut der Sprecherin des Payment Innovation Hub, Silvana Churruca, wechselten vergangenes Jahr in Spanien rund 195,2 Milliarden Euro auf digitalem Weg den Besitzer. Die Bargeldzahlungen machten hingen in der Summe 111,1 Milliarden Euro aus. Inzwischen ist das Bargeld nur noch in den Altersstufen 18 bis 24 und über 65 das am meisten genutzte Zahlungsmittel.

Das Bargeld wird zum Rargeld

Kartenzahlung hier und dort

Der Niedergang des Bargelds verläuft parallel zum Siegeszug der Debitkarten, deren Nutzung den Geschäftsleuten in Spanien günstiger zu stehen kommt als in Deutschland. In diesem Jahr befinden sich laut Churruca in Spanien 88 Millionen Kredit- oder Debitkarten im Umlauf, rein statistisch gesehen etwa zwei pro Einwohner. Die Karten werden nach Angaben der Banco de España von 93 Prozent der Einzelhändler als Zahlungsmittel akzeptiert (im Falle der Kreditkarten 82 Prozent).

Die Hälfte der Geschäfte hat sogar inzwischen Vorrichtungen installiert, die eine Zahlung mit dem Smartphone erlauben. So auch Pedro Miró von der Relojería Miró im Zentrum von Palma. Er ist auch Vizepräsident der Einzelhändlervereinigung Afedeco auf Mallorca. Man müsse den Kundinnen und Kunden den Bezahlvorgang so bequem wie möglich machen, sagt er. „Nach meiner Erfahrung kommt es bei der Zahlungsart weniger darauf an, wie alt die Kunden sind, sondern eher wie technikaffin“, sagt er. So sei vor Kurzem ein älterer Herr bei ihm gewesen, der mit seiner Apple Watch gezahlt habe.

Für Miró selbst spielt es keine Rolle, wie die Kunden zahlen. So oder so haben beide Bezahlformen kleinere Nachteile. „Wenn ich viel Bargeld bekomme, muss ich es abends zur Bank bringen, was Zeit kostet. Und bei der Bezahlung mit Karten muss ich eine kleine Provision zahlen.“

Die ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, Pedro Mir beziffert die Zusatzkosten für ihn pro Kaufvorgang auf rund 0,5 Prozent. Noch vor wenigen Jahren seien es rund sechs Prozent gewesen. Was dazu geführt hat, dass die Kartenzahlung in Spanien für die Händler und in der Folge für die Kunden attraktiver wurde als in Deutschland.

Hierzulande gibt es folgerichtig heute kaum noch Untergrenzen für das Bezahlen mit Karte oder Handy. 84 Prozent der Geschäftsleute verzichten vollkommen darauf. Ganz anders in Deutschland, wo immer noch zahlreiche, vor allem kleinere Geschäfte oder auch Gastronomiebetriebe nur Barzahlung akzeptieren oder einen Mindestbetrag für Kartenzahlungen voraussetzen.

In Deutschland ist die Kartenzahlung für die Händler deutlich teurer als in Spanien. Zum einen gibt es dort pro Kartenzahlung mit der Debitkarte oder der Kreditkarte eine Transaktionsgebühr von sieben bis neun Cent. Hinzu kommen die Kosten für die konkreten Zahlungen mit EC- oder Kreditkarte. Bei EC-Karten wird ein Betrag zwischen 0,23 und 0,3 Prozent der Rechnungssumme fällig. Kreditkartenzahlungen schlagen mit ein bis drei Prozent zu Buche. Hinzu kommen monatliche Gebühren.

Der Bankenschwund

Wo immer weniger Geld abgehoben wird, werden Banken und Geldautomaten zunehmend überflüssig. Das ist eindrucksvoll an der Zahl der Bankfilialen abzulesen, die in den vergangenen Jahren auf den Balearen geschlossen haben. Vor allem in der Großstadt macht sich das bemerkbar. Die Stadt Palma hat nach Angaben der Banco de España in den vergangenen sieben Jahren die Hälfte ihrer Bankfilialen verloren. Im März 2015 gab es in der Stadt noch 336 Niederlassungen von Kreditinstituten und Sparkassen. Im März 2022 waren davon gerade noch 164 übrig. Inselweit schlossen zwischen März 2020 und Juni 2022 insgesamt 218 Filialen. Übrig sind jetzt noch 460 Niederlassungen auf den Balearen.

Die Schließungen würden vor allem sozial benachteiligte und am Stadtrand gelegene Viertel treffen, kritisiert der Präsident der Verbraucherschutzvereinigung Consubal, Alfonso Rodríguez. Aber auch ländliche Regionen verlieren eine Bankfiliale nach der anderen. Auf Mallorca gibt es unter anderem in Deià, Costitx, Mancor de la Vall oder Estellencs keine Niederlassung mehr. Auf Initiative des Bürgermeisters von Deià, Lluís Apesteguía, schlossen sich neun Gemeinden der Insel zusammen, um eine Sparkassen-Kooperative zu gründen. Bislang steckt das Projekt noch in den Kinderschuhen.

Verbraucherschützer kritisieren Bargeldschwund

Verbraucherschützer Alfonso Rodríguez sieht den langsamen Abschied vom Bargeld kritisch – gerade für die ältere Bevölkerung. „Benachteiligt sind vor allem Menschen ab 60 aus der Arbeiterschicht mit geringem Bildungsgrad und geringen Einkommen“, sagt Rodríguez der MZ. Viele von ihnen hätten ein Leben lang keine Kredit- oder Debitkarte gehabt und wollten in ihrem Alter auch nicht mehr auf die elektronischen Zahlungsarten umsteigen.

„Gerade Rentner mit kleiner Rente heben häufig am Monatsanfang die Rente komplett vom Konto ab und bewahren das Geld daheim auf, um einen Überblick über ihre Ausgaben zu haben.“ Viele dieser Menschen zahlen auch monatlich wiederkehrende Kosten wie Strom und Wasser einzeln bei der Bank ein.

Doch solche an sich alltäglichen Vorgänge würden angesichts der Schließungen und der immer weiter beschnittenen Kassenzeiten der Banken immer schwieriger. Immerhin: Die spanische Post will dem Bankenschwund entgegensteuern und in den kommenden Jahren 1.500 Geldautomaten im ganzen Land anbringen. Vor allem sollen Orte profitieren, in denen es keine Bankfiliale mehr gibt.

Auch anderweitig wird darauf geachtet, dass das Bargeld nicht komplett verschwindet. Es gibt diesbezüglich gar Gesetze, wie etwa ein Dekret aus dem Sommer in Spanien. Dieses verpflichtet Geschäftsleute und Einzelhändler, Bargeld zu akzeptieren. Andernfalls drohen Strafen zwischen 150 und 10.000 Euro. Im Zuge der Pandemie hatten vor allem in den Großstädten Spaniens immer mehr Geschäfte Barzahlungen ausgeschlossen.

Die Schattenwirtschaft

Auf der anderen Seite gelten zur Bekämpfung der Schattenwirtschaft inzwischen strenge Obergrenzen für die Barzahlung in Spanien. Diese liegen deutlich niedriger als die in Deutschland derzeit diskutierten. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte sich vor wenigen Tagen dafür ausgesprochen, eine Obergrenze für Barzahlungen von 10.000 Euro einzuführen. In Spanien wurde die Obergrenze für Barzahlungen in Geschäften erst vor wenigen Monaten von zuvor 2.500 Euro auf 1.000 Euro heruntergeschraubt. Faeser hatte die Obergrenze damit begründet, dass organisierte Kriminalität so besser bekämpft werden könnte.

In Spanien will die Politik mit der Obergrenze vor allem der weit verbreiteten Schattenwirtschaft beikommen, zumindest peu à peu. „Man kann ein solches Phänomen nicht aus dem Stand beseitigen, das tief in der Gesellschaft und der Kultur unseres Landes verwurzelt ist“, sagt Elisabet Ruiz, Wirtschaftsprofessorin an der Universitat Oberta de Catalunya in Barcelona.

Wie lange es noch Bargeld in Spanien geben wird, kann derzeit niemand sagen. In Ländern wie Kanada, Schweden oder Norwegen sind Bargeldzahlungen inzwischen äußerst selten. Dort wird bereits über eine schrittweise Abschaffung von Münzen und Scheinen debattiert. In Spanien ist man davon noch einen Schritt entfernt. Die Sprecherin der Banco de España teilt der MZ mit: „Das Bargeld hat viele Vorteile neben der Funktion als Zahlungsmittel.“ Fälschungen seien einfach zu erkennen, Bargeld sei für jeden zugänglich, man könne es auch nutzen, wenn elektronische Verfahren ausfallen und es sei der einzige Bezahlvorgang, bei dem nicht Dritte intervenieren müssten.

Bizum tut sein Übriges

Mit zum Rückzug des Bargelds trägt in Spanien allerdings ein äußerst praktisches Tool bei. Nahezu alle großen spanischen Banken bieten inzwischen das sogenannte Bizum an, um Überweisungen zwischen Freunden, Familie und Bekannten einfacher zu machen. Das System entspricht ein wenig dem von PayPal, das in Deutschland weiter verbreitet ist. Immer häufiger hört man auch auf der Insel inzwischen: „Mach mir einfach ein Bizum.“ So werden Auslagen für ein Mittagessen und Gruppengeschenke, aber inzwischen auch Zahnarztbesuche oder Werkstattrechnungen bezahlt.

Das wohl vorrangige Geheimnis des Erfolgs von Bizum ist, dass man lediglich die Telefonnummer der Person benötigt, der man eine Überweisung zukommen lassen möchte. In der App der Bank wählt man – sobald die Funktion einmal aktiviert wurde – üblicherweise aus dem Telefonbuch des Smartphones den Empfänger oder die Empfängerin aus, gibt den Betrag und einen Betreff (concepto) ein, und Sekunden später ist das Geld auf dem Konto der anderen Person.

Für vierstellige Überweisungen kommt Bizum nicht infrage. Nach den Vorgaben der spanischen Finanzbehörde liegt das Maximum für ein Bizum bei 500 Euro. Wie weit das System bereits in der spanischen Gesellschaft verwurzelt ist, zeigt eine Initiative des balearischen Finanzamts: Bei der Behörde kann man seit Oktober seine Steuern auch per Bizum begleichen.

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