Entrevista | Susanna Sciacovelli Stellvertretende Tourismusdezernentin im Inselrat von Mallorca

Tourismus-Dezernentin Susanna Sciacovelli: "Wir haben auf Mallorca kein Problem mit der Nachfrage"

Die Insel ist ein Selbstläufer. Wozu braucht es da noch Tourismusmarketing? Das erklärt die Zuständige im Inselrat, Susanna Sciacovelli, im Interview mit der MZ

Susanna Sciacovelli will Mallorca für verantwortungsbewusste Urlauber interessant machen.

Susanna Sciacovelli will Mallorca für verantwortungsbewusste Urlauber interessant machen. / privat

Johannes Krayer

Johannes Krayer

Wozu Mallorca noch vermarkten? Diese Frage stellt sich angesichts von Millionen von Urlaubern auf der Insel. Susanna Sciacovelli, stellvertretende Dezernentin für Tourismus im Inselrat und Vizepräsidentin der Stiftung Fundació Mallorca Turisme, spricht über die Strategie für die kommenden Jahre. Die in Turin geborene und in Amsterdam aufgewachsene Italienerin ist seit Jahren in der Branche tätig – unter anderem arbeitete sie für die balearische Tourismusagentur Ibatur und die Fluggesellschaften Air Berlin und Vueling. Beim Inselrat wird sie sich um die Bereiche „touristische Nachfrage“ und „Gastfreundschaft“ kümmern.

Dieses Jahr könnten 15 Millionen Urlauber nach Mallorca kommen. Wo bekommen wir die alle unter?

Diese große Zahl an Urlaubern ist kein mallorcatypisches Problem. Die hohe Nachfrage betrifft seit einigen Jahren viele touristische Ziele. Und auf Mallorca ist der begrenzte Platz nicht nur auf den Tourismus zurückzuführen. Die Bevölkerung wächst ja ebenfalls stark. Und es geht nicht so sehr um die reine Anzahl an Menschen, sondern eher um das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen. Zehn Personen, die den öffentlichen Nahverkehr nutzen, recyceln oder die Insel wertschätzen, können verträglicher sein als eine Person, die das nicht tut.

Wozu muss man denn Mallorca überhaupt noch bewerben?

Das ist ja gar nicht unser Ziel. Sie werden uns nicht dabei ertappen, wie wir einfach platt für Urlaub auf Mallorca trommeln. Wir werden daran arbeiten, den verantwortungsvollen Tourismus zu fördern.Wir haben auf Mallorca nun wirklich kein Problem mit der Nachfrage, deshalb liegt unser Fokus darauf, das Zusammenleben von Urlaubern und Einheimischen in Einklang zu bringen. Und wir wollen erreichen, dass die Besucher der Insel die ökologischen und sozialen Auswirkungen minimieren und verantwortungsvoll auf der Insel auftreten. Wir reden ständig von Nachhaltigkeit, das betraf aber bisher eher die Branche an sich. Jetzt wollen wir den Fokus auf jeden einzelnen Gast legen und ihn sensibilisieren, für Themen wie Wassersparen, kulturelle Eigenheiten der Insel oder auch lokale Produkte. Verantwortungsvoller Tourismus heißt, einen besseren Ort für den Urlaub, aber auch zum Leben zu schaffen.

Infrastruktur ist vorhanden, man muss sie nur bekannt machen

Das heißt, Sie werben nicht mehr explizit für Urlaub auf Mallorca?

Doch, schon. Beispielsweise in neuen Märkten, gerade auch mit individuell zusammengestellten Reisen. Das muss nicht unbedingt im Luxussektor sein. Und wir wollen zielgerichtet werben, beispielsweise die lokale Gastronomie und die Traditionen bekannt machen. Ein anderes Beispiel sind Reisen für Menschen mit Behinderung. Ihnen wollen wir zeigen, welche Strände etwa mit Rollstuhl gut zugänglich sind. Und natürlich bewerben wir auch die Nebensaison, mit dem Schwerpunkt auf Radfahren und Wandern. Es gibt diese Infrastruktur ja bereits auf Mallorca, man muss sie nur im Ausland bekannt machen.

Sie haben mit dem Argentinier Andy Stalman für einen sechsstelligen Betrag einen Werbeprofi unter Vertrag genommen. Was erwarten Sie sich von ihm und was bedeutet die einheitliche Botschaft, die er entwickeln soll?

Man muss den Unterschied zwischen Branding und Marketing verstehen. Alle Deutschen kennen Mallorca, aber innerhalb der Marke Mallorca müssen wir die Werte definieren. Jede Marke hat ihre Werte, die diese ausmachen. Es ist völlig egal, an welchen Markt man sich richtet, diese Werte sind immer dieselben. Wir haben viele Dopplungen, aber auch Widersprüche gefunden bei dem, wie Mallorca bisher vermarktet wurde. Hier wollen wir eine einheitliche Linie mit einer einheitlichen Botschaft schaffen. Andy Stalman hilft uns dabei.

Andy Stalman ist Mr. Branding und soll Mallorca in Zukunft mit vermarkten.

Andy Stalman ist Mr. Branding und soll Mallorca in Zukunft mit vermarkten. / DM

Die Nachfrage ist da. Neue Märkte wie die USA, Brasilien, Asien tun sich auf. Wie läuft die Entwicklung hier?

Der US-Markt wächst stark. Dort werden wir für Werbung ein wenig Geld in die Hand nehmen. Wir sehen auch, dass der kanadische Markt anzieht. Daneben werden wir auf dem asiatischen Markt aktiv, mit Schwerpunkt Korea, wo das Interesse stark zunimmt. In den Arabischen Emiraten werden wir ein bisschen mehr investieren und auf der Tourismusmesse Arabian Travel Market in Dubai Präsenz zeigen. Die Emirate sind ein Hub für ganz Asien.

Können diese Märkte in Zukunft mehr als eine Nische darstellen?

Wir sind in Kontakt mit den Airlines. Es sind Märkte, in denen wir relativ geringe Investitionen tätigen. Mit einer guten Positionierung etwa in Filmen kann sich gerade bei den USA etwas entwickeln. Es ist ein sehr interessanter Markt für Mallorca. Und in vielen Gegenden der USA ist die Insel nach wie vor unbekannt.

"Suchen diese Märkte nicht aktiv"

Wo sehen Sie sonst noch Potenzial?

Es gibt Märkte, die bereits bekannt sind, in denen wir aber mehr tun können. In Frankreich oder Italien müssen wir besser kommunizieren, welche Reize die Insel bietet. Uns etwa darauf konzentrieren, Wanderurlaubern die Serra de Tramuntana schmackhaft zu machen.

Nachhaltigkeit scheint das Ziel aller zu sein. Auf Mallorca wird sicher viel getan, aber die Anreise auf die Insel per Flugzeug bleibt problematisch. Märkte wie die USA oder Asien sind nicht nachhaltig.

Alle Airlines arbeiten an der Nachhaltigkeit, etwa mit Bio-Benzin oder daran, den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Wir fordern die Airlines auf, das weiter mit Nachdruck zu betreiben. Es gibt Reiseveranstalter, die Wälder pflanzen. Und es ist ja auch nicht so, dass wir diese Märkte aktiv suchen. Die Menschen aus diesen Ländern interessieren sich für die Insel. Wenn das Interesse schon mal da ist, dann ist es unsere Aufgabe, den Menschen zu zeigen, was sie auf Mallorca erleben können. In unserem Fall ist es das erste Mal, dass sich die Tourismusstiftung mehr um die Förderung des verantwortungsvollen Tourismus kümmert als um die Vermarktung der Insel.

Haben Sie keine Bedenken, dass das Gefühl der Überfüllung bald auch in der Nebensaison zum Problem wird?

Um das zu verhindern, müssen wir die Saison möglichst weit strecken und vor allem früher anfangen, etwa im Februar oder März. Und das ist ja das, woran wir in den neuen Märkten arbeiten. Das Problem besteht nicht so sehr in der reinen Urlauberzahl. Wir müssen uns vielmehr darauf konzentrieren, die Ausgaben pro Kopf zu steigern. Das hat 2023 gut funktioniert.

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