Mallorca Zeitung

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Trauriges Palma: Diese klassische Musik klingt, wie sich der Winter auf Mallorca anfühlen kann

Der Pianist Magí Garcías hat zum ersten Mal eine EP mit Kammermusik veröffentlicht. Klavier, Violoncello und Gesang formen ein in Melancholie getränktes Stadtporträt

Dieses Bild des Fotografen Xisco Alario wählte Magí Garcías als Illustration für seine EP. Xisco Alario

Von bittersüßer Schwermut sind die zarten Pianotöne. Sie klingen wie der Winter auf Mallorca, wie ein Kältehauch, der den Blick auf die ausgestorbenen Gassen von Palma untermalt, wenn man an einem zugigen Januarabend die Fensterläden schließt. Oder sich ziellos auf einen nächtlichen Streifzug durch die Stadt begibt, deren Puls sich zum Jahresbeginn verlangsamt, und dabei den eigenen, bisweilen trüben Gedanken nachhängt.

Der Eindruck, den das Klavierstück „Crui I: Palma“ („Riss I“) vermittelt, kommt nicht von ungefähr: „Ich habe diese Musik tatsächlich in den Monaten Oktober bis Dezember nach einsamen Spaziergängen bei Nacht durch Santa Catalina geschrieben“, so der mallorquinische Pianist und Komponist Magí Garcías. „Sie ist von diesen Momenten inspiriert: der feuchten Kälte, den wenigen Menschen an einem Ort, wo sich normalerweise viele Menschen bewegen. Von diesem Kontrast und von dem Gefühl, allein in der Stadt zu sein.“

Ästhetisch und thematisch verbundene Stücke

Das Stück ist das erste eines Triptychons, das am 9. Februar als EP „Palma Ciutat Trista“ ausschließlich digital erschienen ist. Die den kurzen Stücken titelgebenden „Risse“ beziehen sich auf ein formales Problem, das Garcías umtrieb: „Ich habe zwei Konzepte als unversöhnlich wahrgenommen: Dass eine Musik frisch und unverfälscht klingt, aber dennoch eine Struktur besitzt, die sich nachvollziehen lässt. Es war für mich schwierig, das in einer Komposition zusammenzuführen“, so der Pianist.

Seine drei kurzen Stücke sind ästhetisch und thematisch miteinander verbunden und weisen ein fortschreitendes Crescendo auf: Die puren, minimalistischen Klavierklänge lassen die Musik entstehen wie aus einer Keimzelle. Dann wächst sie weiter: Bei „Crui II: Santa Catalina“ kommt ein Violoncello hinzu, gespielt von Zuzanna Sosnowska. Zum Schluss ist bei „Crui III: Llunyania“ („Ferne“) der Gesang des Bariton Joan Miquel Muñoz zu hören.

Partner im Leben und in der Musik: Zuzanna Sosnowska und Magí Garcías. Deuxquinze

Inspiriert von den Großeltern

Der zweite „Riss“ klingt wärmer, facettenreicher und hat eine noch persönlichere Inspiration als das erste Stück: Nach „wilden Jahren in Muro“ zog der Pianist vor einer Weile wieder zurück in seine Geburtsstadt Palma, in die Nähe von Santa Catalina. „Meine Füße trugen mich dort wie von selbst genau in die Gegend, wo meine Großeltern gelebt hatten“, sagt er. Zufall oder Produkt einer tieferen Verbindung zu den Wurzeln seiner Familie? Bei Garcías löste dies etwas aus, das er in seiner Musik verarbeiten wollte: „Sie sollte meine traurige Vision einer zerrissenen Postkarte spiegeln. Von etwas Schönem, das heute nicht mehr ist als eine Erinnerung.“

Das dritte Stück ist ein Lied mit einem Text seines Vaters Onofre Garcías. Ein Sonett, dessen Zeilen irritieren, denn sie sind ein Liebesbrief mit bukolischen Metaphern, die scheinbar gar nichts mit dem urbanen Palma zu tun haben. „Mir gefiel dieser Widerspruch“, erklärt Garcías. Zudem sei es, als verschließe der Adressant hier seine Augen vor der Realität: „Für mich ist das wie eine zwecklose Liebeserklärung an eine Stadt, die niemals erhört wird, weil diese Stadt bereits verschwindet.“

Gerade Sommerurlauber und Teilzeit-Residenten, die Palma noch nie im Winter erlebt haben, sei die EP empfohlen – sie lässt musikalisch Gefühle nachempfinden, die sonst nur den Bewohnern der Stadt vorbehalten sind.

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