Menschen mit zwei oder drei Nationalitäten sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Im Sport führt das dazu, dass sie sich die Nationalmannschaft aussuchen können, für die sie spielen wollen. Bei manchen Sportlern ist es Herzenssache, meist ist aber die Aussicht auf Einsatzzeit und die Erfolgschance ausschlaggebend. Und natürlich spielt auch das Geld eine Rolle. Im Basketball gehen die Verbände noch einen Schritt weiter und holen sich Spieler ins Team, die nichts mit dem eigenen Land zu tun haben. Ein solcher Fall erregt derzeit in Spanien die Gemüter.

Im Eilverfahren beschlossen

Die Ausgangslage: Die goldene Generation um die Gasol-Brüder hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Mit dem Aufbauspieler Ricky Rubio fehlt zudem einer der Stars wegen eines Kreuzbandrisses. Dabei steht im September die nächste EM an, und der italienische Nationaltrainer der Spanier, Sergio Scariolo, sorgt sich um die Qualität im Kader. Die Lösung: Die Spanier bürgern einfach den früheren NBA-Profi Lorenzo Brown ein, der mittlerweile für den Spitzenclub Maccabi Tel Aviv spielt. Der Verband hat den entsprechenden Antrag an den für Sportfragen in Spanien zuständigen Consejo Superior de Deportes gestellt, die ihn an die Zentralregierung weitergegeben hat. Madrid hat der Einbürgerung in einem Eilverfahren zugestimmt, da es sich um einen Fall von nationalem Interesse handelt.

Die Nationalspieler regen sich auf

Während sich Scariolo über den 31-jährigen Neuzugang freut, sind seine künftigen Mitspieler weniger glücklich. „Ich finde die Entscheidung nicht richtig, einen Spieler einzubürgern, der keinerlei Verbindung zu unserem Land hat“, sagte am Freitag (8.7.) der Mallorquiner Rudy Fernández auf der Pressekonferenz, bei der er sein jährliches Sommercamp auf Mallorca vorstellte. „Als Kapitän muss ich meine Meinung kundtun. Ich habe es auch dem Verbandspräsidenten so gesagt.“ Ähnlich sieht es die spanische Basketballlegende Pau Gasol. „Vielleicht hat er ja irgendwo in Spanien Verwandte“, sagte er spöttisch.

„Das ist respektlos gegenüber den spanischen Talenten, die seinetwegen keinen Platz im Nationalteam finden“, befand auch der Mallorquiner Álex Abrines. „So ein Turnier sollte eine Chance für die Spieler sein, die mit ihrer Zeit und Kraft die Qualifikation für die EM geschafft haben.“

Allerdings ruderte Abrines, der für den FC Barcelona spielt, am nächsten Tag zurück: „Gewissermaßen bin ich genauso respektlos, da ich wegen Verletzungen oder anderen Gründen zu den Qualifikationsspielen verhindert war“, sagte er in einem Video, das er in den sozialen Netzwerken veröffentlichte. „Alle Nationalmannschaften hatten schon einmal mit der Einbürgerung von ausländischen Spielern zu tun. Jetzt waren wir halt an der Reihe.“

Ähnlicher Fall in Deutschland

Zu den Präzedenzfällen gehört auch die deutsche Nationalauswahl. Ebenfalls mit einem Eilverfahren erhielt 2008 der US-Amerikaner Chris Kaman einen deutschen Pass. Der heute 40-Jährige hatte zwar Vorfahren in Deutschland – seine Urgroßeltern wanderten in die USA aus –, sprach aber kein Wort Deutsch. In der deutschen Nationalmannschaft wurde fortan Englisch gesprochen.