Mallorca Zeitung

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Waldbaden ohne Wald: Im Botanischen Garten auf Mallorca kommen Gestresste zur Ruhe

Die Botanikerin Malena Bibiloni zeigt, wie die Therapieform aus Japan inmitten der Artenvielfalt im Botanischen Garten auf Mallorca geht. Wir haben uns einer Führung angeschlossen

Die Kursleiterin Malena Bibiloni (Mi.) mit Teilnehmerinnen am Waldbaden ohne Wald im Botanischen Garten von Sóller. Nele Bendgens

Fehlt beim Waldbaden im Botanischen Garten nicht der Wald? Das japanische Shinrin-Yoku wäre allzu wörtlich mit „Baden in der Waldatmosphäre“ übersetzt worden, sagt die Botanikerin Malena Bibiloni, die den Workshop „Bany des Bosc al Botanic“ organisiert hat. Natürlich wäre ein Wald im Urzustand fern jeglicher Zivilisation und ohne Forstwesen ein idealer Ort um abzuschalten. Der verwinkelte Jardí Botànic in Sóller mit seinem Artenreichtum eignete sich jedoch ebenso, um in die Atmosphäre der Natur einzutauchen.

Vor ein paar Jahren hatte die Vereinigung Tramuntana XXI den ersten Kurs zum Thema Waldbaden auf der Insel veranstaltet. Einige Teilnehmer, unter anderem auch Bibiloni, waren so begeistert, dass sie sich für eine Weiterbildung am europäischen „Forest Therapy Hub“ entschieden und nun das Ausbilderzertifikat in Händen haben. Mittlerweile ist auch die Associació Banys des Bosc Illes Baleares gegründet. Der Verband organisiert Workshops und beantragt Subventionen, um Gratiskurse für diejenigen anbieten zu können, die es sich andernfalls nicht leisten können.

In zweieinhalb Stunden die Sinne für Bäume, Sträucher, Blüh- und Heilpflanzen schärfen. Nele Bendgens

Diese Therapieform ist in den 80er-Jahren in Japan für gestresste Städter entwickelt worden, das Waldbaden hat sich dort zu einer ernst zu nehmenden Therapieform entwickelt und wird viel praktiziert. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass die therapeutische Wirkung von Wäldern oder Gärten auf Terpenen beruht. Das sind die wichtigsten Ingredienzen ätherischer Öle, die Rinden, Blätter und Blüten von Bäumen ausströmen, aber auch von Sträuchern sowie Zier- oder Heilpflanzen absorbiert werden. Das Abschalten, kombiniert mit hoher Konzentration aller Sinne, soll das Immunsystem unterstützen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen.

Den Garten erkunden

Heute stehen zehn Teilnehmerinnen und zwei Teilnehmer dick in Schals, Mützen und Anoraks verpackt am Eingang des Botanischen Gartens. Wir hören gebannt zu, was die Gruppe in den kommenden zweieinhalb Stunden erwartet. Bibiloni erklärt auf Katalanisch, dass jeder für sich alleine und ohne Ziel etwa einen Kilometer durch den Garten streifen wird. Ohne dabei Bäume zu umarmen oder Pflanzen zu bestimmen. Jeder werde sich seinen Weg dabei selbst aussuchen und ihn schweigend gehen, weil man nur so Flora und Fauna in sich aufnehmen könne. Zwei Glocken würden das Ende einer Runde signalisieren, danach wird sich die Gruppe jeweils in einer anderen Sektion des Gartens treffen.

Wir beginnen auf einem Plateau unter einem alten Baum, ganz in der Nähe wachsen halbhohe Sträucher. Zu dieser Uhrzeit ist die Wahrnehmung zunächst auf die Tatsache gerichtet, dass es bitterkalt ist. Von den Füßen kriecht die Kälte nach oben. Noch hat es die Sonne nicht geschafft, über die Serra de Tramuntana hinweg den Garten zu erwärmen. Zum Glück verteilt Malena Bibiloni erst einmal kompakte Sitzkissen.

Sehen, hören, fühlen

„Schließt die Augen und atmet tief, sodass sich der Brustkorb weitet“, rät sie. Wir sollen uns ganz auf die Geräusche im Garten konzentrieren. Das morgendliche Gezwitscher der Vögel hört sich laut und lebendig an, sie genießen dort oben sicherlich schon die ersten Sonnenstrahlen. Weit entfernt, von den Hecken des Botanischen Gartens abgeschirmt, rauscht der Verkehr, was die Achtsamkeit auf die Vogelstimmen etwas beeinträchtigt.

Dann unterbrechen Glocken die Konzentration. An einem neuen Treffpunkt erfahren wir, dass es als Nächstes um die Düfte der Pflanzen geht. Leider wachsen Rosmarin, Lavendel und Fenchel in einem anderen Teil des Gartens. Hier in der Nähe bieten sich verschiedene Zistrosensträucher an. Ihre pelzigen grauen Blätter verströmen einen leicht bitteren Duft, der sich mit dem der feuchten Erde vermischt.

Als die Glocken wieder ertönen, gleicht der Weg zurück einem Labyrinth. Bei der nächsten Runde wird die Gruppe ihre Aufmerksamkeit auf fließendes Wasser richten. Und auf einmal werden wir gewahr, wie viele Wege an canaletas entlangführen, in denen das Wasser abwärts fließt, um dann in Reservoirs gesammelt zu werden. Vor einem dieser Becken sitzt eine Teilnehmerin in sich versunken, die Augen geschlossen. Neben ihr ist noch Platz. Von dort aus fällt die Sicht auf eine Rinne aus Dachziegeln, das Wasser stürzt nach unten und bildet leise plätschernd zahlreiche Wirbel. Der intensiv auf das Wasser gerichtete Blick verscheucht nun alle störenden Gedanken.

Einmal im Leben Biene sein

Schließlich sind die visuellen Eindrücke an der Reihe. Dabei sollen wir die Augen eine Weile geschlossen halten, um das, was wir danach sehen, umso konzentrierter wahrzunehmen und es zu speichern. Gut, dass meine Wahrnehmung mittlerweile erwärmt ist: Die Sonne hat es endlich über die Gipfel geschafft und schickt Licht in den Garten.

Am Ende des Workshops sollen wir eine Pflanze oder ein Tier wählen, mit dem man sich identifizieren kann. Das ist für mich nicht allzu schwer: Auf der Rampe des Insektenhotels bereitet sich eine Wildbiene für den morgendlichen Flug vor. Solitärbienen leben frei und nicht in strenger Hierarchie wie die Honigbienen. Und so erscheint ein Leben als Wildbiene in den Gärten im Tal von Sóller direkt erstrebenswert.

Workshops,Termine und weitere Informationen unter Associació Banys des Bosc Illes Balears auf Facebook. Kontakt mit Malena Bibiloni unter Tel.: 616-27 85 15.

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