Mallorca Zeitung

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Mit Traktor fahren ist es nicht getan - Wie es um die Landwirtschaft auf Mallorca steht

Mallorcas Landwirtschaft ist seit Jahren auf dem Rückzug. Hohe Kosten, Arbeitskräftemangel und Klimawandel machen den Landwirten zu schaffen

l Der Ziegenzüchter Joan Gaià stellt seinen eigenen Käse her. l Auf einem Gemüsefeld nahe Manacor. l Ein Bauer auf einem Traktor nahe Inca. l Frische Tomaten, eines der typischen Erzeugnisse auf Mallorca. | FOTOS: NELE BENDGENS

Orangen und Zitronen hängen in rauen Mengen an den Bäumen, noch bis Mai ernten die Landwirte die verschiedenen Sorten. Die Felder für das Gemüse sind aufbereitet. Das, was im Sommer Einheimische und Urlauber essen, ist gesät worden. Winzer füllen den neuen Weinjahrgang in Flaschen. Andernorts ist man dabei zu retten, was das Sturmtief Juliette von Olivenbäumen und Kartoffelfeldern übrig gelassen hat. In der Landwirtschaft ist immer etwas los, ständig lauern neue Probleme und Herausforderungen.

Davon weiß auch der Ziegenbauer Joan Gaià ein Lied zu singen. Der 37-Jährige ist studierter Politik- und Arbeitsrechtswissenschaftler und sozusagen ein Quereinsteiger in der Landwirtschaft. „Mit den Supermarktpreisen kann ich natürlich nicht mithalten“, sagt er. Und spricht damit eines der Hauptprobleme der mallorquinischen Landwirte an. „Dafür kann der Supermarkt nicht mit meiner Qualität mithalten.“

Immer weniger Anbau

Doch trotz ihrer hohen Qualität ist die Landwirtschaft auf Mallorca in der Krise. Wie eigentlich seit Jahren. In einem aktuellen Bericht des balearischen Landwirtschaftsministeriums heißt es gar, dass der Primärsektor Gefahr laufe, ganz zu verschwinden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Balearen ist seit dem Jahr 2000 um 100 Prozent gewachsen, doch der Anteil der Landwirtschaft daran ist von schon geringen 1,5 Prozent auf nur noch 0,59 Prozent gefallen.

Und der Niedergang zumindest der konventionellen Landwirtschaft hat sich im vergangenen Jahrzehnt sogar noch beschleunigt, wie aus dem Papier hervorgeht. Zwischen 2008 und 2018 ist etwa die Getreideproduktion um 52 Prozent zurückgegangen. Ganze 55 Prozent weniger Mandeln werden im Vergleich zu vor zehn Jahren produziert, was vor allem mit dem Befall der Bäume durch das Feuerbakterium Xylella fastidiosa zusammenhängt.

Auf Mallorca werden Kartoffeln sehr früh geerntet. Felip Munar i Munar

Bei den anderen Produkten sieht es nicht viel besser aus: Mit das Wichtigste, das die mallorquinische Landwirtschaft hervorbringt, sind die Kartoffeln. Und auf die ist der Geschäftsführer des Bauernverbandes Asaja, Joan Simonet, auch mächtig stolz. „Wir sind die Region in Europa, die als Erstes Kartoffeln ernten und damit die nördlicheren Gebiete versorgen kann“, erzählt er am Telefon. Dann, wenn man in Deutschland, den Niederlanden oder selbst in Frankreich noch gar nicht daran denken könne, die Knollenfrüchte aus der Erde zu holen, weil es noch zu kalt sei.

Aber auch bei den Kartoffeln ist der Abwärtstrend deutlich zu erkennen. Im Jahr 2021 (die aktuellsten zur Verfügung stehenden Daten) wurden auf der Insel 49.240 Tonnen Kartoffeln geerntet, die meisten davon rund um die Sa Pobla. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es noch 61.539 Tonnen.

Ähnlich sieht es beim Gemüse aus. Kam die Insel im Jahr 2016 noch auf 62.029 Tonnen der unterschiedlichen Gemüsesorten, waren es fünf Jahre später 41.395 Tonnen. Die Ernte von Zitrusfrüchten ist zwischen 2016 und 2021 von 13.199 Tonnen auf 9.609 Tonnen zurückgegangen. Die verschiedenen Felder seien in den vergangenen Jahren durch große Trockenheit und kurze, aber sehr heftige Niederschläge immer wieder stark in Mitleidenschaft gezogen worden, berichtet Simonet.

Viele kleine Betriebe

Konventionelle Landwirtschaft heißt auf der Insel nur in Ausnahmen industriell. Mallorca zeichnet sich allgemein durch viele kleine Landwirtschaftsbetriebe aus. Das ist gut für die Sortenvielfalt und damit für die Qualität des Produkts, verteuert jedoch gleichzeitig eine Produktion, die auch noch mit den Nachteilen der Insellage zu ringen hat.

Der Markt sei deutlich limitierter als auf dem Festland, sagt Simonet. Und die Ausgangsbedingungen ungleich schwieriger als auf dem Festland. „Auf Mallorca zahlt man für eineinhalb Hektar Land 200.000 Euro, auf dem Festland gibt es Gebiete, wo man die gleiche Fläche für 15.000 Euro bekommt“, klagt der Asaja-Geschäftsführer.

Immer mehr Biohöfe

Während die konventionelle Landwirtschaft sich zurückzieht, wächst die Anzahl der Biohöfe auf der Insel konstant. „Die Gesellschaft bekommt ein immer größeres Bewusstsein dafür und dadurch steigt auch die Nachfrage nach Bioprodukten“, erklärt Miquel Coll, Vorsitzender der Vereinigung der Öko-Landwirte Mallorcas (Apaema). Aber auch die Biolandwirtschaft hat ihre Herausforderungen. So mangelt es laut Coll auf Mallorca an Biodünger. Auf der Insel wird er nicht hergestellt, die Importe werden immer teurer.

„Wir müssen wieder mehr auf Viehwirtschaft setzen“, sagt der Apaema-Vorsitzende. Wenn beispielsweise eine Schafsherde auf einem Olivenfeld grast, düngen die Tiere mit ihrem Kot auf natürliche Weise die Bäume. Außerdem pflegen sie den Boden wie ein tierischer Rasenmäher. Allerdings muss auch die Herde rentabel sein, und auch das ist auf Mallorca nicht einfach. Denn gerade Lammfleisch lässt sich kaum noch verkaufen. „Die Leute essen inzwischen fast nur noch Huhn, Schwein und Rind“, bedauert Coll.

In der Landwirtschaft fehlt es an Erntehelfern. Nele Bendgens

Ein Problem, das sich konventionelle Landwirtschaft und Biohöfe teilen, ist der Mangel an Erntehelfern. Zum einen gibt es in diesem Jahr auf der Insel einen allgemeinen Arbeitskräftemangel, zum anderen ist der Job nicht attraktiv. „Es ist eine rein saisonale Beschäftigung, teils nur für wenige Wochen“, sagt der Apaema-Vorsitzende Coll. Zusätzlich dazu ist es eine harte Arbeit mit einem vergleichsweise geringen Verdienst. Und gerade wenn im Frühjahr und Sommer das Gemüse geerntet wird oder im Spätsommer und Herbst die Weinlese ansteht, ist Urlauber-Saison auf der Insel. Dann konkurriert die Landwirtschaft mit der Tourismus-Branche um die wenigen Mitarbeiter.

Doch nicht nur an Hilfsarbeitern fehlt es in der Landwirtschaft. Sondern generell an Nachwuchs. „In der konventionellen Landwirtschaft ist das Generationsproblem besonders akut, dort sind die Hofbesitzer im Schnitt über 60“, sagt Coll. Denn die wenigen jungen Menschen, die einen landwirtschaftlichen Hof betreiben wollen, entscheiden sich meist für ein biologisches Konzept. „Sie kommen oft mit sehr genauen Ideen, was sie vorhaben“, sagt Coll.

Doch auch hier reicht der Nachwuchs nicht. In der Biolandwirtschaft auf der Insel liege der Altersschnitt bei knapp über 50. „Das ist ein Problem in ganz Europa“, beklagt Coll. Grund dafür seien die geringen Erträge, die die harte Arbeit auf dem Feld brächten. „Wir können es uns als Gesellschaft nicht erlauben, die regionale Landwirtschaft aussterben zu lassen“, mahnt der Apaema-Vorsitzende. Daher sei es wichtig, weiterhin über die faire Bezahlung von Bauern zu sprechen. „Von dem was der Verbraucher zahlt, kommt viel zu wenig beim Erzeuger an.

Größte Herausforderung: Klimawandel

Zu der geringen Bezahlung kommt hinzu, dass die Bauern durch den Klimawandel und die daraus folgenden Wetterextreme vor immer größeren Problemen stehen. In diesem Jahr müssen sie beispielsweise mit den Schäden von Juliette umgehen. Neben zerstörten Obstbäumen gab es Frostbrand bei den Kartoffelpflanzen rund um Sa Pobla und geborstene Olivenbäumen in der Serra de Tramuntana. „Ab einer gewissen Höhe wird im kommenden Jahr wahrscheinlich keine einzige Olive geerntet“, sagt Coll.

Wobei natürlich nicht alles schlechte Nachrichten sind. Die Mandel zum Beispiel erholt sich neuerdings dank des Anbaus neuer Sorten. Oder auch: Das Bewusstsein der Gesellschaft dafür, was sie an der Landwirtschaft hat, ist durchaus gestiegen. Als im Zuge der Pandemie Restaurants und Hotels schlossen und den Bauern damit die Abnehmer wegfielen, breitete sich eine Welle der Solidarität aus und viele Menschen griffen auf lokale Produkte zurück, statt importierte Ware im Supermarkt zu kaufen. Manche änderten ihre Konsumgewohnheiten dann auch dauerhaft.

Zu dieser Zeit startete auch das Projekt der Parcs Agraris, eine Initiative der Stadtverwaltung von Palma, die das traditionelle Ackerland im Norden und Osten der Stadt wiederbeleben wollte. Die Idee dahinter: Die Eigentümer brachliegender Grundstücke verpachten ihr Land an angehende Bäuerinnen und Bauern ohne eigene Anbauflächen und bekommen im Gegenzug Teile der Ernte. Das Projekt laufe noch, so Lluïsa Dubón von der Initiative Palma XXI, die Grundstücksbesitzer und Junglandwirte zusammenbringt. Teilweise werde die Ernte dann in kleinen Läden in Palma und im Umkreis verkauft, so wie etwa in der Kooperative Coanegra in Es Figueral (Marratxí).

Mit Traktor fahren allein ist es nicht mehr getan. Nele Bendgens

Wie so vieles ist auch die Landwirtschaft mit dem Tourismus verstrickt. Das vergangenes Jahr in Kraft getretene Tourismusgesetz sieht vor, dass bis zu fünf Prozent der verwendeten Lebensmittel in den Hotels aus einheimischer Produktion stammen müssen. Zusätzlich hoffen die Landwirte auf Einnahmen durch die Beherbergung von Urlaubern. Gesetzlich ist die erlaubt, in der Praxis aber müssen zahlreiche Auflagen erfüllt werden. Von Seiten des balearischen Landwirtschaftsministeriums wird abgewogen. „Die Bauern können durchaus Urlauber bei sich aufnehmen, aber natürlich müssen sie dafür wie alle anderen touristischen Betriebe auch die Gästebetten an der Bettenbörse erwerben“, sagt etwa Jaume Jaume, Sachbearbeiter im Ministerium.

„Die Bauern verstehen langsam, dass sie Unternehmer sind und dass sie ihre Produkte weiterentwickeln müssen. Eine Orangenmarmelade lässt sich viel teurer verkaufen als die bloße Orange“, sagt Simonet. Wobei man auch ohne Tourismus Geld verdienen kann. Ziegenbauer Joan Gaià ist ein Beispiel dafür. Er profitierte 2018 von einem Programm des Landwirtschaftsministeriums und kaufte sich gut 30 Ziegen. Heute stellt er Ziegenkäse her und hat ein gesichertes Auskommen. „Manche Landwirte glauben immer noch, der Job besteht daraus, mit einem Traktor über ein Feld zu fahren. Aber das reicht heute nicht mehr“, sagt Gaià. Man müsse auch in den sozialen Netzwerken fit sein und sich zu vermarkten wissen.

Ausländische Residenten als Kunden

Seine Formatgeria Es Collet ist auf Twitter und Instagram vertreten. Zwar postet Gaià nicht viel, aber zumindest ist er auf diesen Kanälen ansprechbar. „Es geht heute nicht mehr ohne“, sagt er. Er habe so beispielsweise eine Britin als Kundin gewonnen, die in Sóller ein Restaurant führt. „Sie kommt einmal in der Woche zu mir und lädt das Auto voll mit Produkten.“ Gaià sieht ohnehin in den europäischen Ausländern auf der Insel einen enormen Kundenkreis. „Viele Nord- und Mitteleuropäer zeigen eine ganz andere Wertschätzung für die Produkte von hier als die Einheimischen“, sagt der 37-Jährige.

Am besten verdienen lässt sich auf Mallorca mit Wein und Olivenöl. Gerade hochwertigere und teurere Produkte genössen einen hohen Stellenwert bei den ausländischen Insel-Residenten, sagt Joan Simonet. „Deswegen ist die Weinanbaufläche in den vergangenen Jahren auch deutlich gewachsen.“

Wein mit der Herkunftsbezeichnung Mallorca zieht, wie eine aktuelle Statistik der Balearen-Regierung zeigt. Demnach ist der Weinabsatz im vergangenen Jahr um 11,8 Prozent im Vergleich zu 2021 gestiegen. 78 Prozent der Exporte gehen nach Deutschland und in die Schweiz. Die Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, vermisst Simonet sonst: „Wir überlegen hin und her, ob wir 30 Cent mehr für eine einheimische Tomate zahlen sollen, geben aber ohne mit der Wimper zu zucken zehn Euro für einen Gin Tonic aus.“

Das wurde 2021 auf Mallorca angebaut (in Tonnen)

– 49.240 t Kartoffeln

– 27.842 t Gerste

– 17.859 t Johannisbrotbaum-Früchte

– 11.297 t Weizen

– 9.999 t Trauben (davon 9.843 t für Wein)

– 9.408 t Tomaten

– 6.771 t Orangen

– 6.140 t Hafer

– 5.202 t Oliven (davon 5.154 t für Olivenöl) 

– 4.606 t Wassermelonen

– 3.915 t Zucchini

– 3.862 t Melonen

– 3.822 t Zwiebeln

– 2.674 t Mandeln 

– 1.821 t Zitronen

– 1.819 t Gurken

– 1.683 t Bohnen

– 1.608 t Kopfsalat 

– 1.427 t Auberginen

– 1.360 t Paprika

– 1.271 t Kohl

– 1.145 t Triticale (Kreuzung aus Roggen und Weizen)

– 976 t Mandarinen

– 932 t Artischoken

– 624 t Mais

– 581 t Kürbisse

– 520 t Blumenkohl

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