Es ist jetzt genau zehn Jahre her: Am Morgen des 23. Juli 2013 stürmten die Ermittler die Finca Son Paraíso in Lloret de Vistalegre in der Inselmitte von Mallorca. Rund 20 teils mit Sturmhauben vermummte Beamte verschafften sich Zugriff auf das Anwesen, unter anderem landete ein Hubschrauber im Garten. Sie durchkämmten jeden Winkel der Finca mit Metalldetektoren, Tauchern und Spürhunden. Und die Beamten fanden, was sie suchten: Frank Hanebuth, eines der einflussreichsten Mitglieder der Motorradbande Hells Angels. Mit dem Hannoveraner gingen der Polizei 24 weitere mutmaßliche Mitglieder oder Anwärter sowie Komplizen der Rocker ins Netz.

So spektakulär der Polizeieinsatz damals war, so träge verläuft die gerichtliche Aufarbeitung seither. Nach dem Prozess gegen die Hells Angels, der erst Anfang des Jahres 2023 stattfand, warten Hanebuth und 14 weitere Mitstreiter noch immer auf die Urteile. Sie hatten sich im Januar und Februar vor dem Nationalen Gerichtshof in San Fernando de Henares vor den Toren von Madrid verantworten müssen.

Urteil wohl erst nach der Sommerpause

Mehr als fünf Monate nach dem Ende des Prozesses sind weiterhin keine Neuigkeiten aus dem Gericht zu vernehmen. Eine Sprecherin der Audiencia Nacional teilt der MZ mit: „Bis nach dem Sommer wird es voraussichtlich kein Urteil geben.“ Auch die Anwältin von Hanebuth, Ana Madera, prophezeit: „Es sieht momentan nach September aus.“ Sie hatte eigentlich für spätestens Juni mit einem Urteil gerechnet.

Es heißt also weiter warten für die 15 Angeklagten, die sich nicht mit der Staatsanwaltschaft auf einen Deal geeinigt haben – neben Hanebuth auch A. Y., einer der Verantwortlichen für die Tagesgeschäfte der Rocker auf Mallorca. Sie pokern auf einen Freispruch – ein durchaus mögliches Szenario. Die Verteidigung wirft der Staatsanwaltschaft vor, keinen einzigen stichhaltigen Beweis geliefert zu haben.

Juli 2013: Polizisten beschlagnahmen bei der Razzia gegen die Hells Angels Motorräder. B. Ramon

Über 200 Polizisten im Einsatz

Son Paraíso in Lloret war indes nur eine Anlaufstelle für die Ermittler an jenem 23. Juli. Über 200 Polizisten waren an mehreren Orten auf der Insel im Einsatz. Insgesamt durchsuchten sie 31 Häuser, Lokale und Büros, auch Wohnungen in Arenal, Son Veri Nou, Cala Estancia, Calvià, Andratx und Establiments. Dabei beschlagnahmten die Beamten mehrere Motorräder und Autos, vor allem PS-starke Sportwagen, aber auch Boote, zahlreiche Waffen, wertvolle Bilder und Schmuck, rund 50.000 Euro Bargeld sowie größere Mengen Kokain, Marihuana und Anabolika.

Der sogenannten „Operación Casablanca“ waren drei Jahre andauernde Ermittlungen auf Mallorca vorausgegangen. Die Guardia Civil und die Nationalpolizei hatten sich dabei mit Europol und den Behörden in Deutschland, Holland und Österreich abgestimmt.

Viele Stunden abgehörter Telefonate

Anfang 2012 leitete der am Nationalen Gerichtshof in Madrid für organisierte Kriminalität zuständige Richter Eloy Velasco ein offizielles Ermittlungsverfahren ein. Die Anschuldigungen kamen nahezu ausschließlich auf Basis von vielen Stunden abgehörter und oft stümperhaft übersetzter deutschsprachiger Telefonate zustande.

Die Festgenommenen waren größtenteils Deutsche, aber auch Spanier und andere Landsmänner, die auf der Insel ein recht luxuriöses Leben geführt haben sollen. Vorgeworfen wurde den bei Prozessbeginn in Madrid schließlich sogar 49 Angeklagten ein ganzes Bündel an Delikten, unter anderem Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, illegaler Waffenbesitz, Prostitution, Geldwäsche oder auch Bedrohung.

Auch Polizisten unter den Festgenommenen

Unter den Festgenommenen befanden sich auch ein Ortspolizist aus Palma und zwei Beamte der Guardia Civil. Der Ortspolizist etwa soll mit den Rockern unter einer Decke gesteckt haben und sie vor seinen Kollegen gewarnt haben, was er allerdings vor Gericht vehement bestritt.

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Frank Hanebuth saß nach seiner Festnahme zwei Jahre lang in Untersuchungshaft, bevor er gegen eine Kaution von 60.000 Euro im Juli 2015 entlassen wurde. Die spanischen Behörden hatten ihn nach seiner Festnahme als Kopf der Höllenengel in ganz Europa bezeichnet. Die Staatsanwaltschaft forderte zum Prozessauftakt 13 Jahre Haft, senkte dieses Strafmaß im Verlauf des Prozesses aber dann auf zwölf Jahre.