Mallorca Zeitung

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Mehr als nur Komfort: Wie eine Reform der Hotelsterne auf Mallorca aussehen sollte

Die Nachhaltigkeit ist beim Bewertungssystem bislang eher schmückendes Beiwerk. Dabei ließe sich das ändern. Eine Initiative hat nun ein Konzept vorgelegt

Außenpools erhöhen die Sternezahl. Der Wasserverbrauch spielt dabei keine Rolle. Jones/dpa

Ist ein Fünf-Sterne-Hotel eigentlich nachhaltiger als ein Ein-Sterne-Hotel? Und wie viel Aussagekraft haben die Sterne der Unterkünfte auf den Balearen überhaupt für das Umweltmanagement? Derlei Fragen ist das Bürgerbündnis Fòrum de la Societat Civil nachgegangen – und hat angesichts der ernüchternden Ergebnisse seiner Studie einen Vorschlag für ein neues System unterbreitet. Mit ihm lasse sich die Nachhaltigkeit von Hotels nicht nur transparent und systematisch erfassen. Die Tourismusbranche nähme so auch die Sorgen der Inselbewohner um den Ressourcenverbrauch ernst und würde nebenbei international zu einem Pionier, argumentiert Mitinitiator Jaume Garau, der das Projekt nicht zufällig am selben Tag vorstellte, an dem in Palma auch die spanischen Hoteliers tagten.

Es ist nicht so, dass der bisherige Sternekatalog keine Umweltkriterien enthielte. Aber mit der letzten Änderung von 2022 wurden gerade einmal 39 Punkte für Nachhaltigkeit eingeführt. „Das macht nicht mal einen halben Stern aus“, kritisiert Juanjo Suárez, Verfasser der Studie. Dazu muss man wissen: Die maximale Punktzahl – fünf Sterne plus – liegt bei 950, Drei-Sterne-Hotels brauchen 300 Punkte, Vier-Sterne-Hotels 500 Punkte. Alle neuen Nachhaltigkeitspunkte sind zudem optional, verpflichtend sind bisher weniger als zehn.

Pools und Duschköpfe

Und gleichzeitig habe man neue Kriterien eingeführt, so Suárez, die alles andere als nachhaltig sind. So gibt es etwa 15 Punkte für einen klimatisierten Außenpool, ohne dass der anfallende Wasser- und Energieverbrauch berücksichtigt wird. Zum Vergleich: Installiert ein Hotel Systeme zum Wassersparen in Leitungen und Duschköpfen, kann es dafür bislang lediglich zwei Punkte bekommen. Es mag alternative Zertifikate geben, die nachhaltige Hotels belohnen – letztendlich schaue aber jeder Gast auf die Zahl der Sterne, so Garau.

Weniger ist mehr: Am Pool des RIU-Hotels an der Playa de Palma ist es in der Nebensaison angenehm leer. RIU

Die geltenden Kriterien sind Sache der Urlaubsregionen, als Orientierung diente aber auch für das balearische Tourismusgesetz von 2015 das System der Hotelstars Union. Dabei handelt es sich um eine von Hotelvereinen gegründete und allein von der Branche kontrollierte Organisation in Europa.

Die auf den Inseln hinzugefügten Nachhaltigkeitspunkte erscheinen eher als schmückendes Beiwerk. So werden etwa 15 Punkte für die Investition in Innenschwimmbecken vergeben, „unter Verwendung alternativer Energien, sofern möglich“. „Man stelle sich vor, ein solcher Satz fände sich in einem Steuergesetz“, kommentiert Suárez die schwammige Formulierung.

Das sieht der Vorschlag vor

Der Entwurf des Fòrum de la Societat Civil sieht nun nicht nur weitere Nachhaltigkeitskriterien vor, es werden auch mehr als bislang als verpflichtend definiert. Im Fall von Drei-Sterne-Hotels wären es 90 von 300 nötigen Punkten, bei Vier-Sterne-Hotels 120 von 500 Punkten, bei Fünf-Sterne-Hotels 150 von 700 Punkten. Sie verteilen sich jeweils zu gleichen Teilen auf die Bereiche Umwelt, Wirtschaft und Soziales.

Auf den Balearen müssen alle Hotels mit höhenverstellbaren Betten ausgestattet werden. GUILLEM BOSCH

Punkte gäbe es somit nicht nur für Solarthermen, sondern auch für die Quotenerfüllung zur Eigenversorgung mit Solarenergie. Oder nicht nur für die Bereitstellung von Wertstoffcontainern, sondern auch für die nötige Kommunikation mit den Gästen. Ganz neu aufgenommen werden in dem Vorschlag Kriterien wie die Unterstützung von Umweltschutzverbänden, die Mitarbeiterquote pro Gast oder die Zahl höhenverstellbarer Betten. Deren Einführung wurde zwar von der Linksregierung als Arbeitsschutz für die Zimmermädchen gesetzlich vorgesehen, wird aber bislang nicht mit Punkten belohnt.

Jetzt ist die Politik am Zug

Das neue Sternesystem ist ein Diskussionsvorschlag, der nun allen Beteiligten vorgelegt werden soll. Dass die konservative Landesregierung neue Vorgaben für die Wirtschaft gern als Interventionismus ablehnt, scheint die Initiatoren nicht zu entmutigen. Am Kurs für mehr Nachhaltigkeit komme niemand vorbei, argumentiert Garau. Die Frage sei nur, wie viel Zeit man bis dahin verstreichen lasse.

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