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Mallorca Zeitung

Fachkräftemangel: Personal auf Mallorca dringend gesucht

Wirtschaft und Tourismus ziehen an, doch allerorts auf der Insel fehlen die Arbeitskräfte. Was das für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bedeutet

Köche, Fahrer, Ärzte, Kellner, Makler, Pfleger - die Liste der Arbeitskräfte, die auf Mallorca gefragt sind, ist lang. Nele Bendgens

Ebenso wie in Deutschland entwickelt sich auch auf Mallorca der Fachkräftemangel zu einer immer größeren Herausforderung. An Urlaubern mangelt es in diesem Jahr nicht, dafür aber allerorts an qualifizierten Arbeitskräften. Allein im Tourismus ist laut Gewerkschaftsangaben nach der verheerenden Corona-Pandemie ein Fünftel der Arbeitnehmer abgesprungen, im Pflegebereich hat sogar jeder vierte Mitarbeiter die Branche gewechselt. Auf Mallorca wie in Deutschland gilt: Es ist eine günstige Zeit für Arbeitnehmer. Sie können ihren Marktwert in die Waagschale werfen und auf bessere Arbeitsbedingungen pochen. Einblicke in einen Arbeitsmarkt, der sich grundlegend gewandelt hat.

Hotellerie

Händeringend suchen viele Hoteliers noch nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In manchen Häusern ist der Personalmangel so groß, dass einzelne Dienstleistungen nicht angeboten werden können, wie Maria Frontera, die Präsidentin der Hoteliersvereinigung FEHM bestätigt. „Wir brauchen unbedingt qualifiziertes Personal und vor allem solches mit der richtigen Einstellung und der Lust, etwas zu lernen.“ Einmal mehr sind die hohen Wohnkosten auf der Insel das Hauptproblem. Viele Saisonkräfte, die üblicherweise vom Festland im Frühjahr nach Mallorca kamen, bleiben der Insel fern.

Wie die Probleme konkret aussehen, schildert Yannik Erhart, CEO der Hotelkette Universal mit 15 Häusern auf der Insel. „Wir haben zwar die meisten Stellen inzwischen besetzt, suchen bei rund 700 Angestellten aber immer noch dringend 30 Mitarbeiter.“ Die Arbeitnehmer könnten sich ihre Stellen derzeit aussuchen. „Wenn wir in Sant Elm eine Stelle zu besetzen hatten und jemanden gefunden haben, der in Palma wohnte und kurz darauf einen Posten in Palmanova angeboten bekam, war er wieder weg“, berichtet Erhart aus der Erfahrung. Vor allem in der Küche sei die Lage noch angespannt, hier fehle es an qualifizierten Leuten. Diejenigen, die da seien, müssten teils Zusatzschichten schieben. Zusätzlich zu den hohen Lebenshaltungskosten sieht Erhart die Hotelbranche auch bei den Arbeitszeiten und der nicht vorhandenen Möglichkeit des Homeoffice sowie teils beim Gehalt im Nachteil gegenüber anderen Bereichen.

Gastronomie

Auch in der Gastronomie macht sich der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern bemerkbar. „Es war schon vor Corona schwer, geeignete Leute zu finden und jetzt erst recht“, berichtet Alfonso Robledo, Vorsitzender des Gastronomie-Verbands CAEB. Kaum jemand vom Festland wolle auf die Insel kommen, zu hoch seien die Lebenshaltungskosten. „Man merkt aber auch, dass viele Arbeitnehmer durch die Pandemie bequemer geworden sind. Sie weigern sich teilweise, Überstunden zu machen, legen mehr Gewicht auf ihre Familien und ihre Freizeit“, sagt Robledo. All das erschwere es vielen Gastronomen zusätzlich, den Betrieb auf Hochtouren laufen zu lassen. Teilweise bleibe den Wirten gar nichts anderes übrig, als auf die Wünsche ihres Personals einzugehen. „Klar umwirbt man die Angestellten jetzt mehr. Positiv sehe ich das aber nicht. Letztlich leiden die Betriebe darunter, einige mussten ihre Öffnungszeiten deutlich reduzieren“, so Robledo, der selbst ein Restaurant in Gènova betreibt.

Nachtleben und Freizeitbranche

Viele der langjährigen Angestellten haben sich auch hier andere Jobs gesucht, gleichwertiger Ersatz war kaum zu finden, berichtet Carlos Lucio, Chef des Megaparks. Lucio ist auch im Verband für Betreiber von Freizeitlokalen (Abone) tätig und weiß: Im Megapark jammert man auf hohem Niveau. „Viele andere, kleinere Clubs und Bars, gerade abseits der Playa de Palma, haben es noch viel schwerer, Personal zu finden.“ Megapark oder Bierkönig im Lebenslauf machen sich gut. Und auch die Tatsache, dass der Megapark den Angestellten von außerhalb eine Wohnung zur Verfügung stellt, gebe Pluspunkte beim Wettstreit um die Arbeitskräfte. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als teuren Wohnraum anzumieten, wenn wir unsere Stellen besetzen wollen“, sagt Carlos Lucio. Trotz der Schwierigkeiten: Letztlich sei es tatsächlich gelungen, die rund 400 Kräfte, die in der Hochsaison im Megapark benötigt werden, unter Vertrag zu nehmen. „Damit die Kunden wegen der Neulinge keinen Qualitätsverlust im Service spüren, müssen wir Personaler umso härter arbeiten“, erklärt Lucio.

20 Prozent der Stellen unbesetzt

„Man kann durchaus von einem generellen Personalmangel auf Mallorca sprechen. Kaum eine Branche ist ausgenommen“, sagt José García, Generalsekretär der Gewerkschaft UGT auf den Balearen. Eng sei es allen voran in der Tourismusbranche. „Wir gehen davon aus, dass aktuell mehr als 20 Prozent der Stellen unbesetzt sind, weil sich keine geeigneten Mitarbeiter gefunden haben“, so García. Vor allem Positionen, für die es gewisse Qualifikationen braucht, seien nur schwer zu besetzen. Köche, erfahrene Rezeptionisten oder Servicekräfte mit Erfahrungen im Personalmanagement beispielsweise. „In diesen speziellen Fällen können die Arbeitnehmer tatsächlich von der Situation profitieren. Sie sind sehr gefragt, können sich die Arbeitsstelle praktisch aussuchen und unter Umständen sogar mehr Gehalt oder bessere Bedingungen fordern.“

Einzelhandel

Aus eben diesem Grund müssten die Arbeitgeber Anreize schaffen, findet Joan Vives, Sprecher des Einzelhandelsverbands Pimem. Die Unternehmer müssten sich auf die Angestellten zubewegen. „Alles hat aber auch seine unternehmerischen Grenzen. Gehälter anzuheben ist gefährlich, gerade jetzt, zu Inflationszeiten. Man muss ja wettbewerbsfähig bleiben.“ Wie viele Kräfte in seiner Branche fehlen, weiß Vives nicht zu beziffern. „Aber gerade außerhalb von Palma gibt es Orte, an denen es die Unternehmer noch immer nicht geschafft haben, alle Stellen zu besetzen.“ Viele Einzelhändler reduzierten ihre Öffnungszeiten. „Es bleibt ihnen ja nichts anders übrig.“ Auch Vives betont, dass qualifizierte Mitarbeiter schon vor der Pandemie heiß begehrt waren. „Dieses Jahr kommt erschwerend hinzu, dass manche Arbeiter andere Nischen gefunden haben.“

Immobilienbranche

Zunehmend schwierig wird die Situation sogar in der Immobilienbranche, berichtet Natalia Bueno, die Präsidentin der Vereinigung der heimischen Makler auf Mallorca. Sie selbst habe bereits vor rund fünf Monaten die Suche nach einem geeigneten Verkäufer aufgegeben. „Ich mache das lieber selbst, man findet fast nur ungeeignete Leute“, sagt Bueno. Oftmals wirkten sie charmant und leutselig, doch bekämen sie keinen Satz ohne Rechtschreibfehler hin. „Und das kommt vor allem daher, dass es vorne und hinten an der Ausbildung hapert“, sagt die Maklerin aus Binissalem. Schließlich sei Makler kein geschützter Beruf, jeder könne sich so nennen, wenn er wolle.

Transportbereich

Rund 200 Lkw- und Busfahrer fehlen derzeit auf den Balearen, schätzt der Präsident der Vereinigung der Transportfirmen, Rafael Roig, der selbst ein Busunternehmen leitet. „Außergewöhnlich viele Fahrer sind in den vergangenen Jahren in Ruhestand gegangen, aber der Nachwuchs fehlt“, berichtet Roig. Das Problem sei, dass ein Führerschein knapp 5.000 Euro koste. „Das konnte sich vor allem in Pandemiezeiten kaum jemand leisten.“ Vor allem im Mai und Juni sei die Situation im Busverkehr schwierig gewesen, seit Beginn der Schulferien habe sich die Lage ein wenig entspannt.

Pflegebranche

Eng ist es ebenso in der Pflegebranche. Allein von den rund 2.000 Angestellten in privaten Pflegeheimen hätten sich in den vergangenen zwei Jahren rund 500 etwas Neues gesucht, lässt die Gewerkschaft UGT verlauten. Viele von ihnen strebten – wenn auch auf dem neuen Gebiet unerfahren und ungelernt – in die Gastronomie und Hotellerie. Sie scheinen die Chance gewittert zu haben, in dieser Branche Fuß zu fassen. Klar: Die dort seit einigen Jahren geltenden Tarifverträge muten attraktiver an als im privaten Pflegebereich, wo die Gehälter nur etwa halb hoch sind.

Privater Gesundheitsbereich

„Im privaten Gesundheitssystem spüren wir den Personalmangel ähnlich deutlich wie im öffentlichen“, sagt Antonio Fuster vom Verband privater Gesundheitsanbieter (UBES). Allerdings nicht, weil das Personal in die Hotels abwandere, sondern weil es gar nicht erst auf die Insel komme. „Wir sprechen von Ärzten, aber vor allem von Krankenpflegern, die vor der Pandemie gerade im Hochsommer verstärkt aus anderen spanischen Regionen monatsweise auf der Insel eingesetzt wurden. Dieses Jahr bleiben viele von ihnen aus“, so Fuster. Um die Auswärtigen zu ködern, aber auch, weil der Bedarf auch auf der Insel höher als zu Vor-Corona-Zeiten sei, böten die Einrichtungen auf Mallorca aktuell längere Verträge als zuvor. Grund zur Hoffnung gebe es aber: „Die Gruppe Quirónsalud hat zusammen mit der Schule Madre Alberta die erste Krankenpflegerinnenschule auf Mallorca aufgebaut, dort werden künftig neue Kräfte ausgebildet.“ Zudem kämen nun auch die ersten Absolventen der neuen medizinischen Fakultät der UIB auf den Arbeitsmarkt.

Sommercamps

Große Engpässe haben die Unternehmen, die die Sommercamps auf Mallorca organisieren. „Vorgeschrieben ist ein Gruppenleiter pro zehn Kinder“, erklärt der Koordinator beim Inselrat, Alex Segura. Als er von den Unternehmen, die die Camps auf die Beine stellen, darüber informiert wurde, dass massiv Leute fehlen, wandte er sich an die Balearen-Regierung, die den rechtlichen Rahmen für die Camps änderte. In diesem Jahr werden nun ausnahmsweise Praktikanten Gruppenleitern gleichgestellt. Die Gründe für den Mangel an Gruppenleitern sind vielfältig, sagt Segura. Schuld seien unter anderem die niedrigen Gehälter. Angesichts der intensiven Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und der Verantwortung seien rund 350 Euro pro Woche für die monitores viel zu wenig. „Da ist es kein Wunder, dass viele junge Leute lieber ein paar Stunden kellnern und deutlich mehr verdienen“, sagt Segura. Generell interessierten sich immer weniger junge Menschen für die Ausbildung zum Gruppenleiter.

Dennoch nicht mehr Gehalt

Trotz der weit verbreiteten Engpässe und der mutmaßlichen Vorteile für die Angestellten: Von einer generellen Verbesserung der Arbeitsbedingungen will Gewerkschafter García nichts wissen. „Grundsätzlich führt der Personalmangel dazu, dass die Arbeitnehmer mehr Arbeit erledigen müssen. Die Insel ist voll, alle schuften auf Hochtouren und oft werden die Arbeits- und Ruhezeiten nicht eingehalten.“ Hinzu käme, dass die breite Masse der Arbeitgeber sich in der Regel nicht auf Gehaltserhöhungen einlasse. „Obwohl ihre Häuser voll sind, beschweren sie sich, dass es kein gutes Jahr sei und schieben es auf die Inflation, dass sie nicht mehr bezahlen wollen.“

Silvia Montejano von der Gewerkschaft CCOO hat hingegen mehr Hoffnung auf eine positive Zukunft der Arbeitnehmer. „Die Unternehmer merken, dass sie aufgrund der Schwierigkeit, Personal zu finden, die Bedingungen anpassen müssen, unter denen sie ihre Angestellten arbeiten lassen.“ Dabei gehe es nicht nur ums Geld. Arbeitnehmer hätten ihre Prioritäten geändert, pochten etwa auf ihre zwei freien Tage. Gleichzeitig führe die hohe Arbeitslast, die der Personalmangel mit sich bringt und vielerorts spürbar sei, zu mehr krankheitsbedingten Ausfällen.

Das sagt der Ökonom

Toni Riera, der Chef der wirtschaftsnahen Stiftung Fundación Impulsa, sieht die Hauptursache für die Situation in diesem Jahr in der Normalisierung der Wirtschaft nach der Pandemie, die noch in vollem Gange sei. „Viele Angestellte haben nach der Pandemie Möglichkeiten in einer anderen Branche oder an einem anderen Ort gesehen“, sagt Riera. Das allerdings sei ein temporäres Problem, das sich wieder ändern werde, wenn die letzten Folgen der Pandemie beseitigt seien. Strukturbedingt sei dagegen auf Mallorca die Herausforderung, dass es zu viele unter-, aber auch überdurchschnittlich qualifizierte Arbeitnehmer gebe. „Es fehlt massiv an Personal im mittleren Segment“, sagt Riera. Das führe dazu, dass viele ungelernte Kräfte in diesen Bereichen eingesetzt werden würden, was die Entwicklung hemme. „Hier ist die Politik gefragt, derartige Engpässe in Zusammenarbeit mit den Branchenvertretern zu antizipieren und die Ausbildung in diesen Bereichen stärker voranzutreiben.“

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